Hummeln stellen Wissen über Intelligenz bei Insekten auf den Kopf

Eine neue Studie zeigt, dass die dicken Brummer zielgerichtet im Voraus planen können-- was bisher nur bei höherentwickelten Tieren und dem Menschen denkbar schien

https://www.derstandard.at/story/3000000323598/hummeln-stellen-wissen-ueber-intelligenz-bei-insekten-auf-den-kopf?ref=seite1_zonekur

In einer Studie, die am Donnerstag im Fachblatt Science veröffentlicht wurde, zeigen die Tiere Verhaltensweisen, die auf eine Form von Vorausplanung hindeuten. Damit wäre erstmals dokumentiert, dass ein Insekt zielgerichtet auf ein zukünftiges Problem hinarbeitet, anstatt lediglich auf unmittelbare Reize zu reagieren. Die Ergebnisse könnten weitreichende Folgen für das Verständnis tierischer Intelligenz haben.

Das Forschungsteam mit Erstautor und Dissertant Akshaye Bhambore (ebenfalls Uni Oulu) entwickelte eine Versuchsanordnung, die Hummeln vor eine ungewöhnliche Herausforderung stellte. Die Tiere sollten eine Belohnung erreichen, die sich auf einer erhöhten Plattform befand. Direkt dorthin gelangen konnten sie jedoch nicht. Um das Ziel zu erreichen, mussten die Hummeln zunächst ein Objekt finden und an die richtige Stelle bewegen. Erst dadurch entstand eine Erhöhung, die ihnen den Zugang zur Belohnung ermöglichte.

In der Verhaltensforschung gilt die Frage nach Planung als besonders anspruchsvoll. Viele Tiere können komplexe Aufgaben bewältigen, wenn sie diese durch Versuch und Irrtum gelernt haben. Vorausplanung geht jedoch einen Schritt weiter: Sie setzt voraus, dass ein Organismus eine zukünftige Situation berücksichtigt und sein aktuelles Verhalten daran ausrichtet.

Bei Menschen gilt diese Fähigkeit als grundlegender Bestandteil intelligenter Problemlösung.

Bereits in den vergangenen Jahren haben Studien, insbesondere der finnischen Forschenden, gezeigt, dass Hummeln erstaunlich lernfähig sind. Sie können Farben unterscheiden, komplexe Suchstrategien entwickeln und sogar voneinander lernen. Besonders bekannt wurden Experimente, bei denen Hummeln an einer Schnur ziehen mussten, um an Nahrung zu gelangen. Die Tiere konnten diese Aufgabe nicht nur erlernen, sondern auch durch Beobachtung ihrer Artgenossen übernehmen.

Die Studie wirft grundlegende Fragen über die Entstehung von Intelligenz auf. Lange Zeit dominierten Vorstellungen, wonach komplexe kognitive Fähigkeiten große Gehirne voraussetzen. Die Ergebnisse deuten nun darauf hin, dass zumindest einige geistige Leistungen auch mit deutlich einfacheren neuronalen Strukturen möglich sind. Das bedeutet nicht, dass Hummeln denken wie Menschen. Auch von Bewusstsein oder abstraktem Denken kann aus den Experimenten nicht direkt geschlossen werden.

Wenn Insekten mit vergleichsweise geringem neuronalen Aufwand komplexe Probleme lösen können, könnte dies auch für die Entwicklung künstlicher Intelligenz von Interesse sein. Effiziente Problemlösungsstrategien müssen möglicherweise nicht auf riesigen Netzwerken beruhen, sondern können auch aus relativ einfachen Strukturen entstehen. Dass ein Tier mit einem Gehirn von Stecknadelkopfgröße Aufgaben bewältigen kann, die ein gewisses Maß an Zukunftsorientierung erfordern, stellt jedenfalls grundlegende Annahmen über Intelligenz infrage.

1 „Gefällt mir“