Ich habe mich vor kurzem erst zur Schwierigkeit Menschen davon zu überzeugen, dass ihr Weltanschauung eventuell nicht ganz den wissenschaftlichen Erkenntnisstand widerspiegelt und sie sich kaum davon abbringen lassen, dass ihre Weltanschauung ihr eigenes Wirklichkeitskonstrukt ist, das von wenigen anderen geteilt wird.
Wissenschaft lebt davon die eigene Überzeugung in Frage zustellen. Könnte es sein, dass ich mich irre. Man sucht in der Wissenschaft nach möglichen Beweisen oder Anzeichen dafür, dass die eigene These nicht hält.
Was ich oft und hier gelegentlich bei Foren-Postings sehe ist das exakte Gegenteil. Man ist davon überzeugt, recht zu haben und argumentiert verbissen weil man auch recht behalten möchte. (meist obwohl ein Großteil der wissenschaftlichen Literatur das Gegenteil sagt). Diese Phänomene sind psychologisch bekannt:
Menschen neigen grundsätzlich daran eher Informationen zu glauben, die ihre eigene Weltsicht bestätigen, und die sind immer zu finden, besonders in der heutigen Welt, wo Qualitäts - Journalismus , Wissenschaft und die Meinung der Mitzi-Tante auf Facebook uneingeordnet nebeneinander stehen.
In der Psychologie sind folgende Effekte bekannt:
- Confirmation Bias:
Neue Informationen werden bevorzugt so interpretiert, dass sie die bestehende Überzeugung bestätigen. - Motivated Reasoning:
Es wird nicht mehr nach der wahrscheinlichsten Erklärung gesucht, sondern nach Argumenten für das gewünschte Ergebnis. - Belief Perseverance:
Eine Überzeugung bleibt bestehen, selbst wenn einzelne Begründungen widerlegt werden. - Identity-Protective Cognition:
Wenn eine Position Teil der eigenen Identität oder Weltanschauung geworden ist, wird Kritik daran als persönlicher Angriff empfunden.
Deshalb bringen immer neue Fakten und wissenschaftliche Forschung irgendwann kaum noch etwas. Der Gesprächspartner bewertet sie nicht mehr nach ihrem Informationsgehalt, sondern danach, ob sie zur bestehenden Sichtweise passen.
Wer sich diese Phänomene real life ansehen möchte und wenn ihr Zugriff auf Netflix habt, dann ist die folgende Doku empfehlenswert:
Behind the Curve / Unter dem Tellerrand
Die Zahl der Menschen, die davon überzeugt ist, dass die Erde eine flache Scheibe ist, nimmt aktuell stark zu. Diese Menschen versuchen zu beweisen, dass die Erde flach ist. Und trotzdem dass diese Experimente alle schief gehen, wird versucht herauszufinden, warum die Messgeräte „falsche“ Ergebnisse liefern, statt seinen eigenen Glauben zu hinterfragen.
- Die Flat-Earther stellen die Hypothese auf, dass ein Ringlaser-Gyroskop keine Erdrotation messen dürfte, wenn die Erde nicht rotiert.
- Das Instrument misst jedoch eine Drift von 15° pro Stunde – exakt die Winkelgeschwindigkeit der Erdrotation.
- Anschließend beginnt die Gruppe, nach Erklärungen zu suchen, warum das Messgerät „falsch“ sein müsse, anstatt ihre ursprüngliche Hypothese zu verwerfen
Immanuel Kant sagte einmal folgenden Satz:
Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
Das Problem ist dass die Menschen die so argumentieren, glauben das zu tun. Das Gegenteil ist der Fall. Denn sie suchen nicht nach Widersprüchen zu ihren Weltanschauungen sondern nach deren Bestätigung.
Der eigentliche Mut, den Immanuel Kant einfordert ist:
- die Möglichkeit zuzulassen, dass man sich irrt,
- Gegenargumente ernst zu nehmen,
- und die eigene Position zu ändern, wenn die Evidenz es verlangt.
Das ist deutlich schwieriger, als andere zu kritisieren.