Enormer Energieverbrauch, fehlende Transparenz, kaum Jobs: Von Kronstorf bis Stetten wird über Rechenzentren gestritten. Warum der Widerstand gegen die Datenriesen wächst – und es trotzdem Gründe gibt, die für sie sprechen
https://www.derstandard.at/story/3000000340136/rechenzentren-jeder-braucht-sie-keiner-will-sie
Anmerkung : Wer wohl mit „Jeder“ gemeint sein könnte ?
Weigl führt den Himmelweg hinauf, zum höchsten Punkt der Gemeinde Stetten, eine halbe Autostunde von Wien entfernt. Auf dem Hügel blickt man über die Weinstöcke, die St.-Ulrich-Kirche und ausgedorrte Äcker. Auf einem von ihnen soll das gebaut werden, was Weigl so aufwühlt. Es hat die Größe von sechs Fußballfeldern, soll 25 Meter in Höhe ragen und tausende Server beherbergen: ein Rechenzentrum, das ein lokaler Unternehmer bauen will.
Rechenzentren sind umstritten. Sie verbrauchen wertvolle Ressourcen wie Boden, Wasser und Energie. Sie erzeugen Unmengen an Abwärme. Anrainer sorgen sich um das Landschaftsbild, um Lärmbelästigung und sinkende Grundstückspreise. Das Motto überall lautet: Bloß nicht bei uns im Dorf! Das 500-Megawatt-Hyperscaler-Projekt von Google in Kronstorf etwa ruft massiven Widerstand aus der Bevölkerung hervor.
Trotz allem herrscht beim Bau von Rechenzentren in Österreich Goldgräberstimmung.
Zumeist, aber nicht immer, stecken große US-Konzerne wie Google, Microsoft oder Amazon dahinter. Bei den Netzbetreibern liegen Anfragen für fast 8500 Megawatt Anschlussleistung vor. Das wirft Fragen auf: Woher kommt der Strom? Wer bezahlt für die Infrastruktur? Hat Österreich Kontrolle über die dort gespeicherten Daten?
In Stetten war der Preis ein eklatanter Mangel an Information.
„Wenn fünf neue Laternen im Ort aufgestellt werden, wird in der Gemeindezeitung darüber berichtet. Über dieses Projekt nicht“, sagt Weigl. Darum nahm er das mit der Transparenz selbst in die Hand. Er stellte Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Eine Bürgerinitiative wie gegen das Google-Projekt in Kronstorf hat sich in Stetten noch nicht formiert. Hier ist es eine One-Man-Show.
Was in Stetten bisher nur auf dem Papier existiert, wird in der Wiener Siemensstraße bald ans Stromnetz gehen.
Zwischen der Siemens-Zentrale und dem Bücherdepot der Universitätsbibliothek Wien entsteht in Wien-Floridsdorf auf 18.000 Quadratmetern Industriebrache ein hochmodernes Rechenzentrum – abseits von Bürgerprotesten und Medienöffentlichkeit.
Der Betreiber Digital Realty hat seinen Sitz in Austin, Texas. Das Unternehmen ist einer der größten Player im Datacenter-Business, es betreibt 300 Rechenzentren weltweit.
Das Unternehmen ist seit 26 Jahren in Österreich.
Digital Realty investierte rund 250 Millionen Euro in seinen zweiten Standort in Wien. Für die Anbindung an das Stromnetz musste das Unternehmen auf eigene Kosten eine Leitung vom Umspannwerk Leopoldau errichten lassen
„Die erste Phase mit fünf Megawatt geht bald live“, sagt Zischek. 40 MW sollen es im Vollausbau sein. Dann entspricht der Stromverbrauch dem einer mittelgroßen Stadt.
In Leopoldsdorf liegt die Blumenwiese am Rande eines Gewerbegebiets.
Der US-amerikanische Betreiber CloudHQ will auf einer Fläche von knapp zehn Fußballfeldern ein Rechenzentrum bauen.
Doch für Blasnek und die rund 5600 Einwohner von Leopoldsdorf zahlt sich der Deal mit dem US-Konzern noch aus einem anderen Grund aus. CloudHQ überweist neun Millionen Euro auf das Gemeindekonto. Denn der Konzern hat mit der Gemeinde einen städtebaulichen Vertrag abgeschlossen. CloudHQ verpflichtet sich, die Fassaden zu begrünen, nachhaltige Baustoffe zu verwenden und eine Photovoltaikanlage zu errichten. Dafür darf der Konzern 25 Meter hoch bauen. Die Gemeinde will mit dem Geld das veraltete Kanalnetz erneuern, neue Straßenleuchten anschaffen und eine Brücke bauen.
Win-Win-Situation also? Für CloudHQ sind neun Millionen ein vernachlässigbarer Betrag. Der US-Konzern wird rund 1,5 Milliarden Euro in das Rechenzentrum in Leopoldsdorf investieren.
In Österreich gibt es derzeit rund 50 Rechenzentren. Neue Projekte werden aber rasch vorangetrieben.
„Digitale Souveränität“ werden wir aber mit den meisten dieser Rechenzentren in Östterreich genau so wenig erreichen , wie wir durch deren enormen Energie- und Flächen-Bedarf Klimaschutzziele noch schwerer erreichen werden.