KI-Modelle nehmen uns Arbeit ab, sparen Zeit und Mühe. Aber wer Denken auslagert, riskiert auch, kognitive Fähigkeiten zu verlieren, warnt eine Neurowissenschaftlerin
https://www.derstandard.at/story/3000000306358/chatgpt-macht-mich-dumm-werden-wir-durch-ki-denkfaul
Gleichzeitig merken immer mehr Menschen, dass mit der Erleichterung etwas anderes einhergeht: Das Denken fühlt sich mühsamer an. In Onlineforen wie Reddit tauschen sich Nutzerinnen und Nutzer darüber aus, wofür sie KI-Modelle einsetzen und was ihnen seitdem schwerer fällt: Konzentration, Durchhaltevermögen, das Formulieren eigener Gedanken. Ein Nutzer ist überzeugt: „ChatGPT macht mich dumm.“
„Definitiv verändert KI unser Hirn“, sagt Laura Wünsch. Sie hat in Psychoneuroimmunologie promoviert, ist heute Dozentin in Cambridge und beschäftigt sich als Neurowissenschaftlerin vor allem mit der Frage, wie wir lernen, was ChatGPT & Co. mit unserem Gehirn machen und wie sich das auf unsere Beziehungen und mentale Gesundheit auswirkt.
Erst kürzlich zeigten Forschende von Microsoft und der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh in einer Studie, dass beim Einsatz von KI weniger Hirnareale aktiviert werden, als wenn Menschen selbst lesen, analysieren und Schlüsse ziehen. Eine andere Untersuchung kommt zu einem ähnlichen Schluss: Je stärker Menschen KI-Systemen vertrauen und je häufiger sie diese nutzen, desto eher leidet ihre Fähigkeit zum kritischen Denken.
Zusätzlich ist “kritisches Denken” dann oft auch noch hinderlich beim Erklimmem mancher Karriere-Leiter.
„Wir werden immer ungeduldiger und haben eine immer geringere Frustrationstoleranz“, sagt Wünsch. Ratlosigkeit halten viele kaum noch aus. Statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen und Ideen auszutauschen, wird ausgelagert. Das Problem dabei: „Wenn wir die KI nutzen, denken wir nicht mehr ‚outside of the box‘. Natürlich kann die KI auch Kreatives gestalten. Aber wenn man KI-Modelle etwa mit Brainstorming beauftragt, haben alle Bots sehr ähnliche Vorschläge.“
Wer bei einem Thema gedanklich nicht weiterkommt, soll mit anderen darüber sprechen und auch unfertige oder verrückte Ideen teilen, statt sofort ChatGPT zu Rate zu ziehen. Und: Langeweile auch mal aushalten. In Momenten des Nichtstuns aktiviert sich das Ruhenetzwerk im Gehirn. „Genau dann entstehen die besten Ideen!“
Zuerst rechnen, dann ins Lösungsheft schauen. Wer nur das Lösungsheft liest, lernt nichts. Und KI-Modelle sind ein einziges Lösungsheft." Nach dem Denkprozess kann man schauen: Auf welche Idee wäre ChatGPT gekommen? Vielleicht liefert es sinnvolle Ergänzungen zum eigenen Lösungsansatz.