Der Grund, warum es solche Phänomene früher seltener gab, war nicht, dass die Menschen vernünftiger oder klüger gewesen wären. Sie erhielten schlicht mehr Orientierung.
Man mag von der Kirche halten, was man möchte, aber sie hatte eine gesellschaftliche Funktion: Am Sonntag stand der Pfarrer auf der Kanzel und erklärte den Menschen nicht nur religiöse Inhalte, sondern vermittelte auch Werte, Normen und gesellschaftliche Orientierung. Das geschah nicht immer richtig und nicht immer im Sinne aller, aber es schuf einen gemeinsamen Bezugsrahmen.
Man mag auch von der Politik halten, was man möchte, aber viele Politiker verstanden ihre Aufgabe nicht ausschließlich darin, dem Volk nach dem Mund zu reden. Politische Führung bedeutet nicht, einfach das zu sagen, was die Mehrheit gerade hören möchte. Sie bedeutet, Entscheidungen zu treffen und die Bevölkerung von deren Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit zu überzeugen. Demokratie braucht nicht nur Repräsentation, sondern auch Führung.
Ähnliches galt für die Medien. Es gab nur wenige große Medienhäuser. In vielen österreichischen Familien gehörte die Zeit im Bild um 19:30 Uhr zum Tagesablauf. Es gab Zeitungen unterschiedlicher Qualität und politischer Ausrichtung, doch sie alle unterlagen journalistischen Standards. Redaktionelle Beiträge waren überprüft und verantwortet. Das bedeutete keineswegs, dass sie frei von Fehlern oder Meinungen waren, wohl aber, dass offensichtlicher Unsinn nicht ohne Weiteres als Nachricht verbreitet wurde.
Heute werden Informationen überwiegend über soziale Medien verbreitet. Dort steht die Aussage eines Hochschulprofessors unmittelbar neben jener der „Mitzi Tante“ auf Facebook oder TikTok. Beide erscheinen zunächst gleichwertig. Oft erreicht sogar die Mitzi Tante ein größeres Publikum – nicht weil ihre Aussagen fundierter wären, sondern weil Empörung, Vereinfachung und Emotionalisierung von den Algorithmen belohnt werden.
Gleichzeitig stehen klassische Medien wirtschaftlich unter erheblichem Druck. Sinkende Werbeeinnahmen und veränderte Nutzungsgewohnheiten erschweren unabhängigen Journalismus. Dadurch wächst die Abhängigkeit von öffentlichen Förderungen oder anderen Finanzierungsquellen, was zumindest den Eindruck entstehen lassen kann, Medien seien weniger unabhängig als früher.
Ich versuche damit nicht, die Vergangenheit zu verklären. Die Kirche hatte und hat ihre Probleme. Politik war auch früher nicht frei von Machtinteressen. Und Medien waren niemals vollkommen objektiv. Der entscheidende Unterschied liegt an einer anderen Stelle: Es gab Institutionen, denen ein großer Teil der Gesellschaft gemeinsame Autorität zuschrieb. Heute ist diese gemeinsame Orientierung weitgehend verloren gegangen. An ihre Stelle ist ein Nebeneinander unzähliger Stimmen getreten, in dem Glaubwürdigkeit oft weniger zählt als Aufmerksamkeit.
Was unserer Gesellschaft heute fehlt, ist weniger Information als Orientierung. Wir brauchen wieder Menschen und Institutionen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und sich vor die Öffentlichkeit zu stellen – auch auf die Gefahr hin, dafür unpopulär zu werden.
Manchmal braucht es jemanden, der den Mut hat zu sagen: „Moment einmal – seid ihr denn alle deppert geworden?“ Natürlich höflicher formuliert. Gemeint ist nicht Arroganz, sondern die Bereitschaft, offensichtliche Fehlentwicklungen klar zu benennen, statt jedem kurzfristigen Stimmungsbild hinterherzulaufen.
Führung bedeutet, Orientierung zu geben, Zusammenhänge zu erklären und auch dann Kurs zu halten, wenn Gegenwind aufkommt. Eine demokratische Gesellschaft lebt vom Diskurs – sie braucht aber ebenso Persönlichkeiten mit Rückgrat, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und für ihre Überzeugungen einzustehen.