In Frankreich sind besonders viele Wohnungen schlecht isoliert. Ein radikaler Schritt der Regierung ging aber nach hinten los – und die Folgen sind nun nur schwer wieder einzufangen
Dieses Thema zeigt sehr gut die Komplexität vieler Probleme und möglicher - sicher nicht beabsichtigter - „Seiteneffekte“ von Problembehebungen.
Velleicht kann an Hand dieses Beipiels die generelle/allgemeine Komplexitöt von Fragestellungen und Problemen (deren Wechselwirkung mit vielen anderen Problemen ) leichter, sachlicher - und vor allem auch weniger emotional - geführt werden , als dies - meinem Eindruck zufolge - bei vielen zentralen aktuellen Themen der Digitalen Welt hier in unserem Forum bisher immer wieder zu beobachten war.
Das hier dargestellte Problem ( als Beispiel der Komplexität - auch von Problemen in - bzw. der - Digitalen Welt ) :
In Paris sind nach Angaben des nationalen Statistikamtes Insee 274 000 Wohnungen „vakant“, wie man hier sagt. Das ist nicht weniger als ein Fünftel des Bestandes. Die Gründe sind vielfältig: Erbstreit, Renovierungsbedarf, Spekulation, Zweitwohnung. Dazu kommt nun ein amtliches Vermietungsverbot.
Auf den 1. Jänner 2025 hin hatte die Nationalversammlung nämlich beschlossen, dass Wohnungen und Büros in Frankreich nicht mehr vermietet werden dürfen, wenn sie auf der siebenstufigen Energiespar-Skala den schlechtesten Wert G aufweisen. Ab 2028 soll auch die zweitschlechteste Stufe F unter das Verbot fallen, 2034 sodann die Stufe E.
Die folgenden Texblöcke (und die dort enthaltenen Aussagen) sind dem Inhalt des hier verlinkten Zeitungsartkels entnommen - sind aber keine wörtlichen Zitate :
Gelöst werden soll damit also das Problem des hohen Enegiebedarfes ( für Heizung und viellicht auch Kühlung dieseR Wohnungen ) um damit - vermutlich - Klimaschutzziele leichter erreichen zu können.
Übersehen wird aber, dass viele ( nur nicht-gewerbliche ?) und auch schon ältere Eigentümer dieser Immobilien nicht über ausreichende finanzielle Mittel verfügen, um die dafür erforderlichen Arbeiten auch durchführen lassen zu können.
Manche Wohngebäude haben vielleicht auch das Ende ihrer technisch noch zulässigen und wirtschaftlich noch möglichen Nutzungsdauer schon deutlich überschritten. Investitionen in solche Gebäude, die in wenigen Jahren vielleicht schon abgetragen und gegen Neubauten ersetzt werden müssten , sind daher wirtschaftlich - und auch zur Erreichung von Klimschutzzeilen - nur wenig sinnvoll.
Ältere Eigentümer werden zudem aber von Banken oft nicht mehr als noch „kreditwürdig“ eigestuft und verlieren durch das Vermietungsverbot nun aber auch Einnahmen , mit deren Hilfe sie die erforderlichen Arbeiten vielleicht leichter doch selbst finanzieren oder benötigte Kredite leichter rückzahlen hätten lönnen.
Wenn diese Arbeiten nicht durchgeführt werden ( können), dann
reduziert dies die verfügbare Wohnfläche und
erhöht die Immobilienpreise, die in Paris bereits vorher 10 000 Euro pro Quadratmeter erreicht hatten.
Die Folge: Die französische Mittelklasse kann sich, wenn sie in der Hauptstadt leben will, höchstens noch eine Mietwohnung leisten. Und der Andrang ist gewaltig: Bei Studios, Zwei- und Dreizimmerwohnungen verzeichnet die viel besuchte Webseite PAP pro Inserat heute durchschnittlich 743 Anfragen. Nur eine erhält jeweils eine positive Antwort.
Die Regierung hat nun die Konsequenzen gezogen: Ende April hat sie angekündigt, dass sie das Vermietungsverbot für unsanierte Wohnungen aufweichen werde: Wohnraum wird unter gewissen Voraussetzungen wieder vermietbar. Erste Bedingung für die Hauseigentümer: Sie müssen sich verpflichten, die Wärmeisolation binnen drei Jahren an die Hand zu nehmen; bei Stockwerkeigentum verlängert sich die Frist auf fünf Jahre.
Es wird sich in dieser Zeit aber die wirtschaftliche Situation finanzschwacher Eigentümer vermutlich nicht wesentlich bessern.
Das Problem wir aber dadurch nicht gelöst, sondern nur die Diskussion über wirksame Lösungen verschoben werden
Theoretisch könnte dieser Aufschub bis zu 700.000 Wohnungen auf den Markt zurückbringen.
Der im März neu gewählte Bürgermeister Emmanuel Grégoire will auf Leerwohnungen eine Strafsteuer erheben. Sie soll im ersten Jahr für eine mittelgroße Wohnung 2000 Euro betragen; im zweiten Jahr soll sie sich auf 4000 Euro verdoppeln, wie der Pariser Wohnreferent Jacques Baudrier erklärte.
Dies wird aber die Situatioin finanzschwacher Eigentümer (z.B,. einfache Pensionisten . ohne „großes“ Geldvermögen) - und deren Möglichkeit, die erforderlichen Arbeiten durchführen zu lassem - jedenfalls nicht verbessern.
Es wird aber den Druck auf diese Eigentümer, ihre Objekte zu verkaufen, sehr stark erhöhen.
Als Käufer könnte die Gemeinde ( bzw „der Staat“ ) auftreten, was aber zufolge leerer Kassen - vermutlich auch in Frankreich - nicht zu erwarten ist.
Also bleiben (wie in anderen Staaten auch ) wieder nur mehr große ( zumeist intenational tätige) Immobilieninvestoren und große Baukonzerne, die aber alle kein Interesse an geringen Einnahmen durch leistbare, und daher geringe, Mieten haben.
Auf „der Strecke bleiben“ würden dann
viele derzeitigen Eigentümer der zu sanierenden Wohnobjekte, weil sie alle nahezu gleichzeitig dann gezwungen wären, ihre sanierungsbedürftigen Wohnungen zu dann auch niedrigeren Preisen zu verkaufen,
und Wohnungsuchende, die sich nur niedrige Mieten leisten können. Niedrige Mieten werden allerdings dann - nach Errichtung von Neubauten an Stelle der vormals sanierungsbedürftigen Objekte - nicht mehr am Wohnungsmarkt von Paris zu finden sein.
Ob dem so sein wird, muss sich aber erst noch weisen. Vorerst verliert die Stadt Paris jährlich 20.000 Einwohner.
Wenn sich dieser Trend (weg aus der Stadt, hin zu günstigeren Wohnmöglichkeiten „am Land“ ) dann noch verstärken sollte, wäre dem Klimaschutz , dessen Verbesserung/Erreichung ja angeblich Ziel der Sanierung von Wohnungen in Paris gewesen sein sollte, vielleicht sogar weniger gedient, als wenn man auf dieses Vermietungsverbot in Paris verzichtet hätte und damit nicht zu zusätzlicher Stadtflucht - mit damit verbundenen längeren Wegen für Pendler und vielleicht auch zusätzlicher Verbauung bisher noch vorhandener naturnaher Flächen im ländlichen Raum - beigetragen hätte.