Ich verstehe Deinen Punkt mit Bequemlichkeit. Office 365 ist auch furchtbar bequem (oder charmant wie Du es bezeichnest).
Wenn man bei Nextcloud genauer hinsieht, merkt man schnell: Nicht alles ist wirklich offen.
Auf der Website wird Nextcloud als Open-Source-Plattform positioniert. Das stimmt für den Kern des Systems. Gleichzeitig verfolgt Nextcloud aber klar einen Open-Core-Ansatz: Bestimmte Funktionen sind nur über die Enterprise-Version verfügbar.
Das bedeutet: Ein Teil der Funktionalität ist öffentlich verfügbar, während andere Features nur gegen „Münzeinwurf“ bereitgestellt werden.
Meine Sorge dabei ist weniger das Geschäftsmodell – Open Core ist heute in vielen Projekten üblich. Problematisch wird es, wenn wichtige Funktionen schrittweise aus der Community-Version verschwinden oder nur noch im Enterprise-Produkt weiterentwickelt werden.
Ein paar Beispiele aus den letzten Jahren:
• Microsoft-Interoperability (z. B. Outlook-Integration) war früher offen, ist heute im Wesentlichen ein Enterprise-Feature.
• Die frühere Jitsi-Integration wurde aufgegeben. Nextcloud Talk ist der Weg, auch wenn Jitsi deutlich zuverlässiger funktionierte, wie Kunden berichten.
• IMAP-Authentifizierung wurde im Zuge der External-Auth-Umstellung entfernt – wer das braucht, muss heute selbst Lösungen bauen. Nicht mehr wichtig. (Wir pflegen das aktuell selbst).
Das erzeugt bei mir ein ungutes Gefühl: Man baut zunächst eine breite Community auf und verschiebt dann eventuell nach und nach Funktionen in die kommerzielle Variante. (Microsoft sagt embrace und extend - den dritten Punkt lass ich hier weg ;-)).
Ich verstehe, dass ein Projekt finanziert werden muss. Aber langfristig stellt sich die Frage, wie offen eine Plattform wirklich bleibt, wenn immer mehr zentrale Funktionen nur noch im Enterprise-Produkt verfügbar sind.
Die Hoffnung bleibt, dass Nextcloud den Balanceakt zwischen Open Source und Geschäftsmodell langfristig gut hinbekommt – und nicht irgendwann den Weg vieler anderer Plattformen geht. Mehr Verbreitung bedeutet auch mehr (Markt-)macht.