Wo bleibt der Aufschrei gegen Atomwaffen?

Im vergangenen Jahr befand sich die Menschheit in Fragen der nuklearen Sicherheit weiter in einer Abwärtsspirale

https://www.derstandard.at/story/3000000306562/wo-bleibt-der-aufschrei-gegen-atomwaffen

Das renommierte Bulletin of the Atomic Scientists schlägt Alarm. Wieder einmal. Und neuerlich droht die dringliche Warnung der Atomwaffenforscher zu verhallen. Das Magazin, das einst von Nuklearwissenschaftlern aus dem Manhattan Project gegründet wurde und für das so einflussreiche Menschen wie Albert Einstein arbeiteten, bringt jährlich Ende Jänner den neuen Zeigerstand der „Doomsday Clock“, der Weltuntergangsuhr heraus. Seit ein paar Tagen steht der Zeiger 85 Sekunden vor Mitternacht – so nah an der Katastrophe wie nie zuvor, schlimmer als zu den Hochzeiten des Kalten Kriegs.

Gerade in weltpolitisch so turbulenten Zeiten mag eine Welt frei von Nuklearwaffen utopisch erscheinen. Drei Ansprüche sollten wir aber zumindest haben: Es müssen weniger werden, Drohungen müssen wieder tabuisiert werden und kein weiterer Staat darf Nuklearwaffen bekommen.

Ja, derzeit gibt es wieder zahllose unsägliche Debatten und Forderungen nach Aufrüstung bis an die Zähne, nach militärischer Erziehung junger Menschen und nach der Rückkehr der großen Bombe. Das historische Pendel schwingt klar in Richtung der Falken. Es sind jene, die sich auf die größere Keule freuen und endlich wieder einen Schuldigen gefunden haben, dem sie anhängen können, warum sie angeblich gezwungen sind, sich eine noch größere Keule zu schnitzen.

Was diese Menschen antreibt, bleibt schwer nachvollziehbar. Erkenntnisse aus über 70 Jahren Konflikt- und Friedensforschung werden ignoriert. Ebenso die Lehren moderner Kriegsführung. Statt Analyse dominiert Projektion, statt Strategie Nostalgie.

Kriege werden heute nicht mehr primär als Vernichtungsschlachten geführt, auch wenn manche genau davon fantasieren. Es geht nicht darum, auf der Landkarte ein paar Quadratmillimeter Farbe hinzuzugewinnen. Es geht um Ressourcen: Rohstoffe, Produktionskapazitäten, Arbeitskräfte, Kapital, landwirtschaftliche Flächen, Wasser. Wer Land zerstört, entwertet es. Wer Städte zerbombt und Böden verseucht, vernichtet genau das, was er angeblich erobern will.

Moderne Kriegsführung besteht daher nicht nur aus Drohnen, Robotern und anderen Kaputtmachgeräten. Sie wird vor allem durch die Kontrolle von Daten, Informationen und Narrativen entschieden. Erfolgreich ist nicht derjenige, der maximalen Schaden anrichtet, sondern derjenige, dem am Ende funktionierende Strukturen, stabile Gesellschaften und die Loyalität der Menschen zufallen.

Atomwaffen hinterlassen ausschließlich Tod, Verwüstung und dauerhaft unbrauchbares Land. Ihr militärischer Nutzen ist faktisch null. Als Abschreckung funktionieren sie nur noch begrenzt, weil sie in realen Konflikten nicht einsetzbar sind, ohne den eigenen strategischen Zielen zu widersprechen.

Donald Trump mit seiner Zoll- und Handelspolitik und Wladimir Putin mit systematischen Desinformationskampagnen führen – bei aller Unterschiedlichkeit – in Teilen die moderneren Kriege: ökonomisch, psychologisch, informationsbasiert. Das ist zynisch, aber realistisch. Wer das ignoriert und stattdessen auf Panzerromantik und nukleare Drohgebärden setzt, kämpft die Kriege von gestern mit den Werkzeugen von vorgestern.