Expertin Prainsack ĂĽber Social-Media-Konzerne: "Dieselben Strategien wie die Tabakindustrie"

Social-Media-Sucht und psychische Probleme gehen oft Hand in Hand. Politikwissenschafterin Barbara Prainsack und internationale Forschende fordern dringend MaĂźnahmen

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Ein paar Videos auf Youtube, Facebook, Instagram und Co nach Feierabend – schon sind zwei Stunden vorbei und man fragt sich, wo die Zeit geblieben ist. So geht es vielen Menschen weltweit. Politikwissenschafterin Barbara Prainsack war mit einem Team von internationalen Forschenden an drei umfassenden Studien zu den Themen Soziale Medien, Jugendliche und Gesundheit beteiligt, die nun in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet erschienen sind. Die Forschenden teilen darin ein eher düster aussehendes Zeugnis aus.

Die Regierenden hätten die Verantwortung für einen gesunden Umgang mit sozialen Medien bisher auf die jungen Nutzerinnen und Nutzern selbst geschoben. Außerdem seien die Systeme, die die Unternehmen regulieren müssten, nicht auf die derzeitigen rasanten Veränderungen vorbereitet.

Beim Rauchen stehen eindeutige biologische Wirkmechanismen dahinter, das ist bei sozialen Medien viel komplizierter. Die Parallele ist aber das Geschäftsmodell. Wir vergleichen diesen Moment in der Geschichte tatsächlich mit der Eindämmung des Tabakkonsums. Man hat damals zwar gesehen, dass Menschen an Lungenkrebs erkranken, das wurde aber lange als individuelles Schicksal verstanden, nicht als ein gesellschaftliches Problem, das kollektives Handeln braucht. Bei sozialen Medien sind wir heute an einem ähnlichen Punkt.

Zuerst streut man Zweifel ĂĽber die Evidenz, dann diskreditiert man die Kritikerinnen und als dritter Schritt stellt man die Regulierung als Einschnitt in die Freiheit dar. Das hat man beim Tabak gesehen und das sehen wir wieder bei Social Media.

Die Alterskontrollen alleine können das Problem nicht lösen, aber sie sind ein Schritt auf dem richtigen Weg, weil sie normative Klarheit darstellen. Da sehen wir wieder die Parallele zur Tabakkontrolle. Wenn eine Gesellschaft einmal sagt: „Wir haben sehr starke Hinweise darauf, dass das schädlich ist, wir wollen das nicht“, dann schränkt man den Zugang ein.

Selbst wenn man das Verbot umgehen kann, ist es trotzdem eine wichtige Ansage. Alles, was Druck auf die Firmen ausübt, ist positiv. Es geht darum, die Schwelle zu erhöhen und Reibung zu erzeugen.

Das ist zwar nicht Thema der Paper, doch meine Meinung als Wissenschafterin wäre, dass die ID Austria keine ideale Lösung ist. Unter anderem aufgrund der Tatsache, dass sie für bestimmte Menschen gar nicht zugänglich ist. Dazu kommt der Datenschutz: Eine Altersprüfung sollte nur bestätigen, dass jemand alt genug ist, ohne dass dabei die Identität preisgegeben wird oder nachvollziehbar ist, welche Plattformen jemand nutzt. Da gibt es noch große Hürden.

Es gibt eine Assoziation zwischen sozialem Medienkonsum – insbesondere exzessivem – und einer ganzen Bandbreite an psychologischen und anderen gesundheitlichen Schäden. Selbst wenn noch nicht alle Wirkmechanismen erforscht sind, so muss das nach dem Vorsorgeprinzip genug sein, um als Gesetzgeber zu sagen: Wir wollen nicht, dass diese Medien zum Beispiel in Schulen oder Horten verwendet werden.

Wir können versuchen, die negativen Formen der Nutzung einzuschränken und die Positiven zu bestärken. Wenn eine Person zum Beispiel bettlägrig und sich über digitale Kanäle austauscht, würde jede vernünftige Person sagen, dass das positiv ist.