Fachkräftemangel? Wenn die Lehre zweite Wahl bleibt, wird sich nichts bessern

Ein akademischer Abschluss garantiert keine guten Jobs mehr. Für die in Zukunft benötigten Qualifizierungen muss die Gesellschaft neue Strukturen entwickeln

https://www.derstandard.at/story/3000000301875/fachkraeftemangel-wenn-die-lehre-zweite-wahl-bleibt-wird-sich-nichts-bessern

Eine Lehre ist super! Allerdings fĂĽr die Kinder der anderen.

Die Kinder sollen es besser haben, was Einkommen, Status und das gute Leben schlechthin betrifft. FĂĽr diesen Plan ist eine Lehre meist nur zweite Wahl.

Es wird sich zeigen, dass die als Höherqualifizierung verstandene Akademisierung eine Verwechslung ist und bessere Qualifikationen wenig mit Abschlüssen an einer Hochschule zu tun haben. Schon jetzt kommen mehr junge Akademiker auf den Arbeitsmarkt, als dieser aufnehmen will. Das wird sich noch zuspitzen.

Schon bis zum Jahr 2029 verschwinden demnach um 51.000 Menschen mit Lehrabschluss mehr in Pension als nachrücken. Besonders in Handwerk, Technik, in der Elementarpädagogik und in der Pflege dürfte der Fachkräftemangel schnell noch akuter werden.

Welche Migration, welche Inklusion und welche Milliardeninvestitionen in Qualifizierung (nein, nicht Akademisierung) wollen und mĂĽssen wir uns in einer alternden Gesellschaft leisten?
Bestimmt kein Aussortieren von Kindern anhand althergebrachter Ausbildungsfähigkeit und kein Zusehen, wenn Menschen mit Migrationshintergrund an und in den Systemen scheitern. Sicher keine schlecht ausgestatteten Berufsschulen mit veralteten Lehrplänen oder Polytechnische Schulen, in denen Junge geparkt werden, bis die Schulpflicht erledigt ist. Und schon gar nicht Tausende Junge, die weder in einer Ausbildung noch in einer Beschäftigung sind.

KI kann die Menschen nicht ersetzen, die wir für die Wirtschaft der Zukunft benötigen. Das können nur gelernte Spezialisten.

1. Was ein akademischer Abschluss heute oft misst

Ein formaler Abschluss belegt zunehmend vor allem eines:
die Fähigkeit, vermitteltes Wissen korrekt zu reproduzieren – unter Zeitdruck, entlang klar definierter Erwartungshorizonte.

Das ist kein Zeichen mangelnder Intelligenz, sondern ein Indikator für ein auf Prüfungslogik optimiertes Ausbildungssystem. Problemlösung, Transferleistung, Anwendung unter Unsicherheit oder interdisziplinäres Denken sind meist nachrangig.

2. Vergleich FH vs. HTL: ein struktureller Unterschied

Meine HTL Ausbildung empfinde ich „besser“ als was wir heute auf Fachhochschulen ausbilden:

  • HTL-Ausbildung
    • frĂĽhe Praxisnähe
    • Systemverständnis
    • Arbeiten mit unvollständigen Informationen
    • Verantwortung fĂĽr funktionierende Lösungen
  • FH-/akademische Ausbildung (typisch)
    • stark modularisiert
    • theorie- und prĂĽfungsgetrieben
    • wenig reale Anwendungskontexte
    • geringe Fehlertoleranz

Das Problem ist nicht „zu wenig Theorie“, sondern zu wenig Verknüpfung von Theorie mit realer Wirksamkeit.

3. Das Missverständnis rund um KI

Ein zentraler Denkfehler in der öffentlichen Debatte lautet:

KI ersetzt Menschen.

Tatsächlich gilt:

  • KI ersetzt keine Menschen
  • KI ersetzt Tätigkeiten, die auf Reproduktion, Wiederholung und Mustererkennung beruhen

KI braucht:

  • Domänenwissen
  • Erfahrung
  • Kontextverständnis
  • Urteilskraft

Ohne Menschen mit Anwendungsverständnis ist KI wertlos oder gefährlich.

4. Der eigentliche Bruch: Lernen vs. Können

Auswendiglernen war noch nie ein Garant für Kompetenz –
aber mit KI ist es endgĂĽltig obsolet.

Was KI besser kann als Menschen:

  • Fakten abrufen
  • Inhalte strukturieren
  • Muster erkennen
  • Varianten generieren

Was Menschen brauchen (und verlernen):

  • Kreativität
  • kritisches Hinterfragen
  • Transferdenken
  • systemisches Verständnis
  • Urteilsfähigkeit unter Unsicherheit

Die George-Land-Studie beschreibt genau diesen Effekt:
Bildungssysteme trainieren Konformität und richtige Antworten – und entwöhnen kreatives Denken.

5. Die Konsequenz

Nicht „KI ersetzt Menschen“, sondern:

Menschen mit Wissen, Erfahrung und KI-Kompetenz ersetzen jene,
die KI nicht anwenden können oder wollen.

Das ist keine technologische, sondern eine bildungs- und kulturpolitische Frage.

6. Der strategische Kern

Die eigentliche Trennlinie verläuft künftig nicht zwischen:

  • Akademisch vs. nicht-akademisch
    sondern zwischen:
  • Anwendungsfähigem Denken vs. reiner Wissensreproduktion

Wer gelernt hat, Systeme zu verstehen, Probleme zu rahmen und Werkzeuge klug einzusetzen, wird durch KI stärker.
Wer gelernt hat, richtig zu antworten, wird ersetzbar.
Genau aus diesem Grund haben aktuell Studienabgänger Herausforderungen beim Finden von Jobs. Die KI kann Prüfungswissen besser widergeben als jeder Mensch. Sie kann aber weder anwenden noch kritisch hinterfragen.

Intuition und Fantasie sind gefragt

Es kommt darauf an, ob die Lehre - in einem Unternehken - überhaupt noch zeitgemäß ist. Das hängt auch von den jeweiligen Berufen ab.

  • bei machen Berufen ist eine Lehre fĂĽr jemanden, der nicht auf den Kopf gefallen ist und keine zwei linke Hände hat, wie mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen. Nämlich all jene Berufe, wo ĂĽblicherweise dann ungelernte Personen auf geringfĂĽgiger Beschäftigungsbasis beschäftigt werden. Wozu braucht es z.B. den Lehrberuf eines Handelsfachpackers. Regale schlichten lernt man in 3,5 Tagen, nicht in 3,5 Jahren.
  • bei manchen Berufen ist eine unternehmerische Ausbildung in EINEM - vor allem kleinen - Unternehmen kaum noch möglich. Entweder es bleiben nur noch die groĂźen Ausbildungsbetrieb ĂĽbrig oder man sollte unternehmensĂĽbergreifend Ausbildung ermöglichen.
  • Bei machen Ausbildungen wäre ein akademischer Weg geeigneter.
  • Bei machen Ausbildungen ist die Lehre schon veraltet, bevor das erste Lehrjahr vorbei ist. Denn eine Fachausbildung auf Vorrat, von der man sein gesamtes Leben dann zehren kann, gibt es selten. Es wäre besser, eine kurze „Grundausbildung“ zu machen, die schon in der Schullaufbahn integriert werden könnte, um dann sein ganzes Leben jedes Jahr einen Monat nochmal die Schulbank/Lehrwerkstatt zu beschuchen.

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- obwohl ich nicht in allen Punkten deiner Meinung bin.


Aus dem Future of Jobs Report des World Economic Forums.

Leider wurden aber fast alle diese Skills ( auch wenn obige Liste wohl mehr Lehrlingsausbilder betreffen dürfte) mehr im Rahmen der bisherigen Schulpflcht und der Lehrlingsausbidung kaum bis gar nicht vermittelt und viele Probleme von Schülern gar nicht oder est viel zu spät erkannt.
Lehrlingskandidaten verfügen nach der Schulpflicht oft nicht über ausreichende Grundkompetenzen (“sprechen, lesen ,schreiben , rechnen “) - wenn man entsprechende Meinungen aus Unternehmen glauben darf - und auch ihr soziales Verhalten ( “Benehmen” ) wird selbst für ihr zukünftiges Arbeitsumfeld (z.B. im “Umgang” mit Arbeitskollegen und Kunden) oft als “aufföllig” eingestuft.