Hier das Papier „Plan für Zukunft - Bildung fürs Leben“ des Bildungsministeriums

Ich habe versucht, diesen Text “Plan für Zukunft - Bildung fürs Leben” wenigstens zu überfliegen. Ich habe das aber noch nicht bis zum Ende geschafft.
Was ich bis dahin gehen habe :
Es ist scheinbar jedes Stichwort, jedes “Reizwort”, jedes Thema in diesem Aufsatz enthalten, das irgendwann einmal in Diskussionen über Bildung, Ausbildung und Schulpolitik vorgekommen sein dürfte. Jeder Satz dieses Aufsatzes ist sehr schön formuliert, und könnte so möglicherweise sogar von einer KI-Instanz formuliert worden sein.
Die darin dargestellten Vorstellungen und Ideen haben bzw. hätten aber sehr weitreichende Auswirkungen - weit über die Zuständigkeit des Bildungsministers hinaus - und müssten vor allem auch über alle politisch/ideologischen/kulturellen Grenzen und sehr viele Legislaturperioden hinweg kontinuierlich unterstützt und auch realisiert werden.
Vielleicht sollten wir -“unsere” Fachleute und fachlich Interessierte - das Papier in jenen Bereichen, wo es unmittelbar um die Möglichkeiten/Erfordernisse der “Digitalen Welt” ( technische und organisatorische Infrastruktur , Unterstützung von Schülern, Lehrern, Schulleitungen, Einsatzmöglichkeiten, Unterrichtsinhalte … ) geht, dieses Papier genauer anschauen ?

Ja, Erich, es ist ein sehr umfassendes Papier mit vielen Auswirkungen.

Dieses Papier ist unter umfassender Mitwirkung vieler Leute (Expert:innen) aus dem Bildungsbereich entstanden: Universitäten, Lehrkräfte, Bildungsexperten:innen, Leute aus den Schulbuchverlagen, Elternvertreter:innen, Schüler:innen-Vertreter:innen. Das Papier ist nicht im ideologischen Elfenbeinturm entstanden und das finde ich schon mal sehr positiv.

Was ich auch positiv hervor heben möchte, ist, dass das Papier „wie aus einem Guss“ wirkt. Insbesondere im Vergleich zur Industriestrategie, die wie ein Flickenteppich des Wunschkonzertes in einem Workshop mit zahlreichen Stakeholdern wird, wo vieles im Wagen bleibt, Begriffe unterschiedlich verwendet werden (z.B. „Industrie“) und sogar Widersprüchliche Ansätze drinnen sind. Da hat man sich - auch sprachlich - viel mehr Mühe gegeben und ein bessere und verständlicher Resultat erzielt.

Ein paar Punkte sind mir natürlich auch aufgefallen, die ich gerne anderes gehabt hätte oder die noch verbesserungswürdig wären. Aber dennoch zunächst erstmal eine Anerkennung für ein Papier, dass gegenüber vorher mehr Klarheit schafft und in eine Richtung geht, die auf den Anforderungen der Zeit nicht nur diverse Antworten sucht, sondern auch versucht, diese auf die Strasse - sprich „in die Schulen“ zu bringen.

Was ich mir gewünscht hätte:

  • Deutlich machen, dass es ausschliesslich um die schulische Bildung von Kindern und Jugendlichen (und der Personen, die diese Betreuen) geht. Es geht nicht um um die Bildung Erwachsener oder das „Lebenslange Lernen“.
  • die Reihenfolge der Prioritäten: „für die Wirtschaft, für das Soziale, für die Gemeinschaft“. Zwar wird von der Persönlichkeitsbildung des jungen Menschen gesprochen und den Platz, den er in der Gesellschaft einnehmen könnte, aber eher in einem Nebensatz. Wirtschaft kommt zu erst. Die Rolle des Menschen in der Wirtschaft. Das hätte ich mir gerne anderes herum gewünscht. Erst der Mensch mit seinem Fähigkeiten, Glücklich zu werden und sich in Freiheit entdecken und entwicklen zu können, dann seine Rolle als Soziales, verantwortungsbewusstes Wesen in der Gesellschaft (und als politisches Wesen auch in dem Engagement im politischen Bereich) und erst am Ende seine Rolle in der Wirtschaft. (Ich bin da auch eher ein Freund des humboldschen Ansatzes, die Berufliche Ausbildung und die Rolle in der Wirtschaft so weit wie möglich erst dann zu beginnen, wenn der Mensch in sich und seiner Rolle in der Gesellschaft schon eine gewisse Festigung hat.)
  • Ich hätte mir mehr „Ketzerische“ Fragen gewünscht, die Grundlegendes in Frage stellen und mal schauen, welche Zöpfe man abschneiden könnte. Nicht, dass es eine Revolution geben muss. Nein, eine solche Vorgehensweise kann ja auch zur Bestätigung des StatusQuo führen. Man hat Alternativen geprüft und ist zu dem Schluss gekommen, das vorhandenes eh ausreichend gut ist.
  • Ich hätte gerne noch deutlicher Herausgearbeitet und Geklärt, was man überhaupt unter Bildung versteht, wozu diese benötigt wird und wen es betrifft.

Richtig „revolutionär“ ist das Papier nicht. Aber, und das ist wichtig, es zeigt nochmal deutlich auf, was eigentlich derzeit schon im österreichischen Schulsystem möglich wäre. Die bestehenden Regelungen und die Schulautonomie bieten da schon sehr viel Raum. Viele der Dinge, die hier erwähnt werden, wie beispielsweise das Kooperative Lernen, werden schon seit vielen, vielen Jahren in Schulen angewendet. Aber nicht in der Breite. Hier gibt es weniger ein Regulatorischen Problem, als ein Umsetzungsproblem, dass Schulräte , Direktionen und Lehrkräfte sich nicht trauen, die Freiräume auszunutzen, die sich ihnen bieten.

Beispiel: An der Schule meiner Kinder wollte eine Lehrkraft eine Woche lang das Konzept des „Offenen Lernens“ (Selbstbestimmt Lernen) im Unterricht anwenden. Die Direktion hat das verboten. Es wäre nicht ausdrücklich erlaubt und nicht vom Ministerium angeordnet. Die Lehrkraft hat sich dann in einer sehr mühsamen Prozedur vom Schulrat und vom Bildungsministerium die Bestätigung geholt, dass diese Unterrichtsform „eh nicht verboten ist“ und sogar an anderen Schulen erfolgreich praktiziert wird. Erst danach hat sie - auch unter skeptischen Blicken des Lehrer:innen-Kollegiums - die „Erlaubnis“ von der Direktion erhalten. Das Problem liegt also eher in den Köpfen der Leute als in denen der vorhandenen Regularien.

Auch Eltern mit ihren Bildungserfahrungen sind oftmals „problematisch“. Sie erwarten, dass Schule genauso funktioniert, wie zu ihren Zeiten. Z.B. Vokabeln pauken mit Lernkarten. Wenn in der Schule dann moderne und sehr erfolgreiche Methoden angewendet werden, mauern die Eltern ordentlich dagegen. Hier fehlen mir Prozesse, die Eltern mit einzubinden und ausreichend vertrauen bei den Eltern zu schaffen, die sich natürlich um eine gute Bildung ihrer Kinder sorgen machen. Da bleibt das Papier zu sehr in der Mitwirkungspflicht der Eltern hängen (Drohung), als dass Schule die Eltern aufklärt, wie heutige Schule funktioniert.

Beispiel: Kind kommt nach Hause und Lehrkraft sagt, die Eltern sollen dem Kind beim Lernen helfen. Aber wissen Eltern überhaupt, was ihr Kind braucht und wie sie ihrem Kind helfen können. Die Kommunikation über SchoolFox oder sie 10 Minuten Pflichtgespräch pro Semester reichen für eine Orientierung und Lehrbefähigung der Eltern doch überhaupt nicht aus.

Ein weiterer Punkt, den ich vermisse, ich das Eingehen auch eine Feedback schleife, eine Rückmeldung an die Schüler:innen über ihren Lern-, Kenntniss- und Fähigkeitsstand und die Befähigung der Schüler:innen, wie sie das ausgleichen können. Eine Schulnote und der Appell „Du mußt mehr lernen“ ist zu wenig. Da sollte viel Differenzierter drauf eingegangen werden, auf die individuellen Fähigkeiten (Lob) der Kinder einzugehen und auf die systemischen, individuellen Defizite einzugehen und Tipps für einen individuellen Lernzugang zu gehen.

Einen weiteren Kritikpunkt, den ich habe, ist, dass viel zu wenig auf soziale Fähigkeiten und Teamleistung eingegangen wird. Wir hängen immer noch an der Individual-Leitung fest (Du mußt diese Aufgabe alleine lösen). Im Leben werden Aufgaben aber überwiegend gemeinsam mit anderen gelöst. Das sollte mehr in den Fokus gestellt werden und weniger auf die normiertere Indivualleistung geschaut werden.

Ich habe da vor ein paar Tagen eine schöne Geschichte gehört: Eine Schülerin wäre eigentlich wegen mangelnder Fähigkeiten in Latein zu einer Ehrenrunde gezwungen worden. Doch weil diese Schülerin so wichtig für den sozialen Zusammenhalt in der Klasse gewesen ist und sie eine riesige Lücke gerissen hätte, wenn sie nicht mehr dabei gewesen wäre, hat die Direktion und die Lehrkraftskonferenz - im Rahmen der ihnen zugestandenen Möglichkeiten - entschieden, sie dennoch zu versetzten.

Nach einen Punkt möchte ich anmerken: Die Rolle von pauschal für alle geltenden Standard, Normen und Regeln.

Standard sind uns ein sehr wichtiges Hilfsmittel gewesen. Sie haben es uns ermöglicht, die Komplexität soweit zu reduzierend, dass wir somit wesentlich mehr schaffen konnte, also ohne diese Standards. Zudem haben die Standards geholfen, die Wahrscheinlichkeit für ein erforderliches Güteniveau zu erhöhen und Resultate miteinander vergleichbar zu machen.

  • Sei es der 200 V AC Stecker
  • Seien es die Verkehrsregeln
  • Seien es die einheitlichen Schulbücher in den Klassen
  • Sei es die Zentalmatura
  • Sei es der Prozess der Ausbildung der Lehrkräfte

Eine analoge Erfolgsgeschichte haben wir ja in der Industrie: ohne Standards wären wir nie in der Lage gewesen mit den vorhandenen Ressourcen (Fähigkeiten, Maschinen, Geld, Rohstoffe, Arbeitskräfte) so viele Produkte in einer ausreichenden Qualität zu einem bezahlbaren Preis zu erzielen. Toilettenpapier wäre unbezahlbar und würde zudem auf keine Klopapierrolle passen.

Aber nach der Zeit der Standards kann die Zeit der Re-Indiviualisierung kommen. Was wir ja durch die neuen Logistik- und Fertigungsmöglichkeiten in der Industrie kennen. „Losgröße Eins“ ist seit vielen Jahren ein Schlagwort. Heute werden Güter nicht mehr als Langläufer über viele Wochen identisch in großen Massen hergestellt, sondern die Losgrössen werden immer kleiner. Produktionszeiten unter 30 Minuten sind z.B. in der Lebensmittel- oder Kosmetikindustrie nichts ungewöhnliches. Da werden für einen Kunden „Just-In-Time“ mal nur eine halbe Palette des Produktes hergestellt. Zudem ist die Vielfalt der Produkte, die Anzahl der Variationen viel, viel größer geworden, wobei es sich bei den Variationen nicht nur um Kleinigkeiten wie eine andere Farbe handelt. Möglich geworden ist es, weil man heute in der Lage ist, eine Produktionsstrasse in viel kürzeren Zeiträumen umzurüsten und mit verkaufsfähigen Produkten wieder anzufahren (Single Minute to Exchange Die).

Die neuen Adaptiven Fertigungsverfahren (z.B. 3D-Druck) gepaart mit den neuen CAD-Design-Möglichkeiten, die Automatisierung der Produktion und der Einsatz von Robotik haben hier zusätzlich neue Möglichkeiten geschaffen.

Diese Re-Individualisierungs-Möglichkeiten ergeben sich nun auch in der Bildung. Das eine Kind lernt halt leichter mit einem Buch, das andere mit einem Podcast, das Dritte mit Videos, das Vierte mit seinen Händen. Es ist möglich. Sollen sie dann auch.

Das man, wenn man die Standards in Frage stellt („das muss so sein“), sich andere Möglichkeiten ergeben, die neue Räume auftun, kann man an zwei Beispielen sehen:

  • Wie würde man ein Bahnnetz organisieren, wenn man auf einen Fahrplan mit fixen Abfahrtzeiten verzichtet und es nicht als Gegeben annimmt, dass es einen Fahrplan geben muss. Da gibt es sehr interessante Ergebnisse aus Dubai oder China.
  • Zeit spielt ja für viele eine Rolle. Zu einer bestimmten Zeit sitzen alle pünktlich vor dem linearen TV-Programm, um der ZIB2 zu laufen. Die Mediathek bietet nun die Möglichkeit, sich die Sendung anzusehen, wann man es möchte. Ich habe vor einigen Wochen eine Dokumentation über eine Ortschaft nördlich des Polarkreises gesehen, wo es das halbe Jahr hell oder dunkel ist, die natürliche Tageszeiteinteilung also weggefallen ist. Es war spannend zu sehen, wie die Menschen dort aufgehört haben, sich nach der Uhrzeit zu richten und auf die neuzeitliche Synchronisation und Taktung des Lebens verzichtet und andere Wege gefunden haben.