Interoperabilität – Vom Regen in die Traufe einer neuen Abhängigkeit

Wir fordern digitale Souveränität und europäische Unabhängigkeit von den großen Tech-Konzernen und geopolitischen Machtzentren. Die EU, ihre Mitgliedstaaten, Unternehmen und Organisationen haben diesen Anspruch längst formuliert und verfolgen ihn als strategisches Ziel, um Kontrolle über ihre Daten, Technologien und digitalen Infrastrukturen zu gewinnen.

Doch der Ruf nach Unabhängigkeit kann leicht ins Gegenteil umschlagen: Statt wirklicher Freiheit entsteht eine neue, starre Abhängigkeit – nur diesmal von eigenen, oft nationalen oder europäischen Monopolen. Die Angst, sich auf andere zu verlassen, mündet in Abschottung, in die Weigerung, Kompromisse einzugehen oder gemeinsam Standards zu entwickeln. Die Folge: Statt offener Kooperation wächst die Fragmentierung.

Der aktuelle Trend zur digitalen Souveränität ist häufig ein hastiger Versuch, sich von US-amerikanischen Tech-Giganten zu emanzipieren, die mit Marktmacht und fragwürdigen Praktiken europäische Werte missachten. Doch die Flucht vor diesen Monopolisten darf nicht zu einer Flucht in einen anderen Käfig werden. Statt einem Anbieter-Nasenring zu entkommen, drohen wir, uns selbst in neue Abhängigkeiten zu verstricken.

Ein reflexartiger Aufbau eigener, „freier“ Systeme, die bestenfalls kostenlos und Open Source sind, klingt erst einmal verlockend – erinnert an den anarchistischen Geist der Hippie-Open-Source-Bewegung der 70er. Doch der Fokus auf radikale Autarkie und Abkapselung kann die Gesellschaft schwächen, denn isolierte Insellösungen verhindern den notwendigen Austausch und die Skalierung durch Zusammenarbeit.

Gemeinsam stark, isoliert schwach.

Das gilt auch digital. Globale Kooperation und Wissensaustausch sind der Schlüssel zu echter Souveränität. Ein „Jeder für sich“ verteilt Ressourcen ineffizient, schwächt uns und fördert Konkurrenz statt Synergie.

Es braucht Alternativen und Flexibilität, keine festen Lager. Wenn Microsoft Word nicht mehr passt, wechsle ich zu OnlyOffice oder Pages. Das funktioniert bei einfachen Dokumenten gut.

Aber was passiert bei komplexen Systemen? Messenger wie WhatsApp oder Signal – wie können Nutzer wirklich frei wechseln, ohne alles zu verlieren?

Wir können heute problemlos Wohnorte wechseln, Provider wechseln und dabei sogar die Telefonnummer behalten. Banken arbeiten daran, Wechsel mit Erhalt von Kontodaten zu erleichtern. Doch digitale Silos bleiben Sackgassen. Der Aufwand, ein Ökosystem zu verlassen und in ein neues zu migrieren, ist enorm. Ohne echte Interoperabilität bleibt es ein „bloß weg von“, keine nachhaltige Lösung.

Solange die Ursachen der Abhängigkeit – z.B. ein erratischer US-Präsident – verschwinden, wird die Flucht enden. Aber die Lösung muss tiefer gehen.

Wir brauchen nicht nur Ersatzprodukte, sondern Werkzeuge, die echten Umzug ermöglichen: Interoperabilität.

Moderne Technologie muss es erlauben, dass Systeme nahtlos zusammenarbeiten, Daten und Dienste über Grenzen und Plattformen hinweg funktionieren. Der absurde Fall, dass eine EU-Gesundheitskarte in einem österreichischen Lesegerät nicht funktioniert, zeigt, wie dringend das ist.

Interoperabilität heißt nicht nur Austausch innerhalb eines Systems, sondern zwischen verschiedenen. Messenger wie WhatsApp, Signal oder andere müssen miteinander kommunizieren können. Genau das fordern EU-Regulierungen und das Projekt „Next Generation Internet“.

Next Generation Internet (NGI) ist ein EU-gefördertes Vorhaben, das auf Dezentralisierung, Datenschutz und offene Standards setzt. Es will ein Internet aufbauen, das nicht von Monopolen kontrolliert wird, sondern durch Interoperabilität und Offenheit echte Wahlfreiheit ermöglicht.

Was bedeutet das für Projekte wie 4future.one und digitale Souveränität?

4future.one verfolgt den Weg, sich nicht nur von US-Technologien und Microsoft zu lösen, sondern über diesen Fokus hinauszugehen: hin zu einer globalen, offenen Plattform, die Zusammenarbeit, Austausch und Innovation fördert. Durch Offenheit und echte Interoperabilität können wir einen Beitrag zu einer besseren, vernetzten Welt leisten – ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen.

4future.one muss über die bloße Funktion als Ersatz für Office 365 hinausgehen, um echten Mehrwert zu schaffen. Es geht nicht nur darum, dieselben Tools bereitzustellen – Textverarbeitung, Tabellen, Kommunikation –, sondern darum, eine offene, flexible Plattform zu schaffen, die folgende Punkte erfüllt:

  1. Echte Interoperabilität: 4future.one muss nahtlos mit anderen Systemen und Plattformen kommunizieren können – egal ob andere Cloud-Dienste, Messaging-Apps oder Datenbanken. Nur so können Nutzer frei wechseln und ihre Daten behalten, ohne an eine Plattform gebunden zu sein.

  2. Offenheit und Transparenz: Der Quellcode muss offen sein, die Architektur modular und nachvollziehbar. Nutzer und Entwickler sollen die Kontrolle behalten, Anpassungen vornehmen und eigene Module integrieren können. Das schafft Vertrauen und Unabhängigkeit.

  3. Datenschutz und Souveränität: Die Plattform muss strikte Datenschutzstandards erfüllen, Datenhoheit bei den Nutzern belassen und keine kommerzielle Ausbeutung erlauben. Daten dürfen nicht an Drittanbieter weitergegeben oder für Werbung genutzt werden.

  4. Globale Zusammenarbeit fördern: 4future.one sollte Tools bereitstellen, die teamübergreifende, grenzüberschreitende Zusammenarbeit einfach machen – mit Echtzeit-Kollaboration, gemeinsamen Datenräumen, offenen Schnittstellen und Standards, die länderübergreifend gelten.

  5. Skalierbarkeit und Anpassungsfähigkeit: Die Plattform muss flexibel skalierbar sein, sowohl für Einzelpersonen als auch für Unternehmen und öffentliche Organisationen. Sie soll sich an verschiedene Anforderungen anpassen lassen, statt starr vorgegebene Workflows zu erzwingen.

  6. Förderung eines Ökosystems: 4future.one darf kein geschlossenes System sein. Es muss ein Ökosystem entstehen, in dem verschiedene Anbieter und Entwickler ihre Lösungen ergänzend anbieten können – so wie Apps für Smartphones.

Kurz: 4future.one muss eine digitale Infrastruktur schaffen, die nicht nur ein Produkt ist, sondern ein offenes, kollaboratives Ökosystem, das echte digitale Souveränität ermöglicht – und damit ein Schritt weg von Abhängigkeiten hin zu echter Freiheit und globaler Zusammenarbeit.

Solange wir nur an Dienste, Services und dafür benötigte Softwaretools denken, ist “echte” digitale Souveränität ohnehin nicht möglich - da die Hardware und die für ihren Betrieb erforderliche Firmware (samt aller dort vielleicht schon existierenden - oder jederzeit aktivierbaren - Backdoors) weiterhin von großen Weltkonzernen des “westlichen” oder (fern-) östlichen Machtblocks kommt.
Eigene ( z.B. “europäische”) Hardware zu produzieren, ist bei der heutigen Komplexität ( z.B. von mehrkernigen CPUS ) - sowohl technologisch, als auch wirtschaftlich, gar nicht mehr möglich.
”Echte “ digitale Souveränität (unter Einbeziehung der benötigten Hardwareplattformen und der Netzwerkinfrastruktur) wird daher für Europa wohl nur mehr ein Wunsch bleiben können.

Wir sind ja sowas von unabhängig und autark … oder was?

Das stimmt.

Wobei ich das Problem nicht so sehr in den - bösen - amerikanischen oder chinesischen Unternehmen sehe, sondern dass man sich von einzelnen Technologien oder monopolistischen Unternehmen so abhängig gemacht hat.

  • Wenn bei uns der Strom zum Kochen ausfällt, kann ich immer noch mit dem Campingkocher etwas auf den Tisch zaubern.
  • Wenn VW pleite geht, kann ich mir immer noch einen Hyundai oder Fiat kaufen.

Was passiert aber, wenn bestimmte Technologien, Rohstoffquellen oder Unternehmen ausfallen und ich ausschliesslich auf diese eine gesetzt habe?

  • Microsoft, Google, Amazon
  • Facebook, Twitter, Instagram
  • WhatApp, Signal, Telegram
  • SAP
  • Siemens Automatisierungstechnik
  • Bosch Siemens Haushaltsgeräte

Wenn man das Risiko-Management vernünftig gestalten würde, geht es, ähnlich wie bei Kapitalanlagen, um eine Risikostreuung und einen Plan B.

Andere Quellen erschliessen.

Auf zwei Beinen steht man besser, als nur auf einem.

Unsere geizgetriebene Kostenfokussierung und das daraus gefolgte Bestreben, outzusourcen, führt zu solchen Situationen, wie jetzt der Ausfall von Cloudflare, kürzlich dem Ausfall von Services, die AWS benötigt haben sowie dem Ausfalls der Gepäckabfertigungen an den Flughäfen.

Dezentral und Vielfalt (Pluralismus) haben gegenüber einzelnen, zentralistischen Lösungen machmal schon ihre Vorteile.

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