Digital Nations wollen ihren Bürgern alles bieten, was ein herkömmlicher Nationalstaat verspricht. International anerkannt ist bisher noch keine
https://www.derstandard.at/story/3000000283332/keine-grenzen-kein-boden-wenn-menschen-in-digitale-nationen-auswandern?ref=seite1_entdecken
„Um unsere wissenschaftlichen Ziele zu erreichen und eine Gesellschaft der Zukunft aufzubauen, schaffen wir einen vollwertigen, unabhängigen digitalen Staat, der von den irdischen Nationen anerkannt wird“, erklärt sich etwa Asgardia. Asgardia wurde 2016 gegründet und ist nach eigenen Angaben die erste „Weltraumnation“ mit einer „eigenen, transparenten Wirtschaft, die sich auf den wissenschaftlichen Fortschritt auf der Erde und im Weltall konzentriert“.
Auf diese Weise - nicht nur als “Weltraumrnation“ - eine “unabhängige” Nation erichten zu wollen, kann wohl nur auf Naivität und Unkenntnis der Abhängigkeit und Verletzlichkeit menschlichen Lebens zurückzuführen sein.
Solche Vorstellungen sind wohl Ergebnis von zuviel Konsumation von Science-Fiction-Literatur bzw. - Filmen, fehlendem Wissen und Lebens-Erfahrung und dem daraus resultierenden Unvernögen, zwischen zukünftig realen technischen Möglichkeiten und technischen Phantasien unterscheiden zu können .
Hunger , Krankheit , Krieg, Wirtschaftskrisen und Menschen mit Behinderungen und/oder ohne ausreichendem Einkommen scheint es in dieser Vorstellung von “Digitalen Nationen” ebensowenig zu geben, wie die Klimakatastrophe und andere Naturereignisse.
Energie, Wasser, und Kommunikation kommen für die Bürger Digitaler Nationen offenbar jederzeit und immer in beliebigen Mengen aus irgendwelchen Leitungen für deren Bereitstellung stets andere - jedenfalls aber nicht Bürger Digitaler Nationen - zu sorgen haben .
Das soll eine wünschenswerte Entwicklung sein ?
Ich sehe da kaum Probleme. Auch ein Digitaler Staat muss ein Sozial- und Gesundheitssystem bieten, und kann das auch, durch Verträge mit anderen Staaten, so wie wir im Ausland auch ärztliche Versorgung in Anspruch nehmen können.
Was die Grundversorgung zB mit Wasser angeht so sehe ich die Existenz von Digitalen Staaten als positiv, weil dann eine staatlich gewährleistete Grundversorgung ein Pluspunkt für Analoge Staaten darstellt und ihnen einen Wettbewerbsvorteil bringt.
Unter “Digitaler Staat” ist hier jedenfalls mehr zu verstehen, als ein “herkömmlicher” Staat, der sich aller Möglichkeiten der Digitalisierung bedient - ohne dafür hier Digitalisierung in irgendeiner Form als “gut” oder “schlecht” zu bewerten.
Meinem Verständnis nach, hat “Digitaler Staat” hier mehr die Bedeutung eines “virtuellen Staates” und ist daher allein schon deshalb ungeeignet, für die uberlebensnotwendigen physischen Bedürfnisse physischer Staatsbürger (z.B. Gesundheit, Ernährung, Sicherheit, Geborgenheit .. ) sorgen zu können.
Rein formal könnte dies natürlich über bilaterale Verträge mit physisch existerenden (“reellen”) Staaten erfolgen - im (nicht nur kriegerischen) Krisenfall ist aber jede Formulierung solcher Vereinbarungen wertlos. Ein solcher “digitaler” (=virtueller) Staat könnte aus eigener Kraft nicht eine einzige Sekunde für seine Büger sorgen. Er hätte aber auch keine Umweltprobleme, keine Energiesorgen, keien Probleme mit Umweltkatastrophen, Epidemien, zur Neige gehenden Trinkwasservorräten und der Klimakatastrophe. Denn all diese Probleme müsste ein digitaler/virtueller Staat über Verträge mit pyhsischen Staaten “auslagern”. Bürger digitaler Staaten - sofern dies überhaupt physische Personen werden dürfen - sind ja ohnehin mobil und könnten sich damit physische Örtlichkeiten irgendwo im Universum (nicht nur auf unserem zunehmend devastierten Planeten) aussuchen, wo es noch ausreichend Trinkwasser, unverbrannten Boden, kostenlose Gesundheitsversorgung und keine verlangten Beiträge zum Gemeinwesen gibt.
Digitale Staaten - bzw dessen Bürger - wären somit die (“nur” virtuelle ? ) Ausprägung von Egoismus und Ausbeutung physischer Ressourcen in “Reinkultur” - ohne weitere Steigerungsmöglichkeit.
Dass ein solcher “Digitaler Staat” dann nicht in die Gemeinschaft der 193 Mitgliedstaaten UNO aufgeneommen werden könnte , wäre dann nicht weiter verwunderlich - nicht nur wegen der fehlenden Kriterien, um überhaupt als selbstständiger Staat anerkannt zu werden.
In Notsituationen helfen sich die Menschen gegenseitig ohne Ansehen der Staatszugehörigkeit.
Was die Finanzierung der Notfallversorgung angeht, so zahlen auch Angehörige virtueller Staaten Steuern im jeweiligen Wohnsitzstaat.
Ich durfte mal bei einer Studien mitmachen, welche Auswirkungen es hätte, wenn auf die Erfordernis eines „festen Wohnsitzes“ verzichten würde. Das war sehr interessant, zu sehen, welche wichtige Funktion damit in Gesellschaft und Verwaltung erfüllt wird.
Vorhin habe ich einen Post auf LinkedIn gelesen, wo ein Digital Normad darüber berichtet, welche Schwierigkeiten er als Freelancer mit Firmensitz in Österreich hat, sobald seine Kunden erfahren, dass er gar nicht zuhause ist. Psychologie.
Auch rechtlich gibt es so einige Herausforderungen. So darf man als Wiener Arbeitsloser zwar noch Salzburg reisen, da man ja innerhalb von 24h wieder in Wien zur Arbeitsaufnahme sein. Man darf aber nicht nach Bratislava reisen, weil das AMS dort keine rechtliche Durchgriffsmöglichkeit hat.
Das alles macht den Umzug in eine Digital Nation etwas schwierig. Und zeigt so machen Anachronismus auf, der einem progressiven und kosmopolitischem Leben so manches Bein stellt.
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Manche Menschen leben aber derzeit schon in anderen Universen. Von Apple z.B.
“… so zahlen auch Angehörige virtueller Staaten Steuern im jeweiligen Wohnsitzstaat. …” :
Ich bin unter der Bezeichnung “Digitaler Staat” - und der im Artikel angeführten Notwendigkeit, einen Satelliten in einer Erdumlaufbahn zu betreiben, um ein einem eigenen physischen Staatsgebiet zumindest ähnliches Konstrukt vorweisen zu können, davon ausgegangen, dass Bürger dieses Digitalen Staates nur über diese eine Staatsbügerschaft des Digitalen Staates - aber keine Doppelstaatsbürgerschaften - verfügen (dürfen) und sich wegen Platzmangels innerhalb des Staatsgebietes (auf dem /im um die Erde kreisenden Satelliten) nur notgedrunen innerhalb des Staatsgebietes anderer (herkömmlich physischer) Staaten aufhalten müssen.
Denn Ähnliches wird vermutlich schon bald den Staatsbürgern vieler kleiner (heute noch existierender, physisch realer ) Inselstaaten passieren, wenn wegen des steigenden Meeresspiegels deren Staatsflächen immer kleiner werden, bis sie sogar vollständig aus den Landkarten gelöscht werden müssen.
So aber - ohne international anerkanntes Staatsgebiet - könnten solche “Digitale Staaten” vernutlich rechtlich nicht anders, als (international tätige ?) Vereine oder Organisationen, gesehen werden - wobei als “Problem” lediglich der Zweck solcher Vereine bzw. Organisatioen bestehen bleiben würde ;
Denn was kann der Zweck , das Ziel und die zu deren Erreichung beabsichtigten Aktivitäten eines ”Digitalen” (bzw. virtuellen) Staates sein ?
Dass er rasch wieder aufgelöst und unter anderem Namen gleich wieder neu gegründet weden könnte, wenn es zu irgendwelchen Konflikten mit Behörden herkömmlicher physischer Staaten kommen sollte ?
Diese wichtige Funktion des “festen Wohnsitzes” aber auch vieler anderer Vorschriften, die oft als “überflüssige” bzw. “überbordende” Bürokratie bezeichnet werden, werden nur von jenen als notwendig anerkannt, die wissen - oder zumindest ahnen - wozu solche Vorschriften erforderlich sind. Wer die damit zusammenhängenden Prozesse nicht kennt und nur den von ihm (z.B. als Unternehmensleiter) geforderten Aufwand für die Erstellung von Prüfprotokollen oder Betriebsstatistiken sieht, für den sind solche Vorschriften nur Auswirkungen “überbordender Bürokratie” - und jedenfalls Anzeichen von Unwissenheit.
Wenn es nie Arbeitsunfälle gegeben hätte bzw. geben würde, dann bräuchte man auch keine dicken Arbeitnehmerschutzvorschriften - um gleich ein typisches Beispiel zu nennen.
“.. welche Schwierigkeiten er als Freelancer mit Firmensitz in Österreich hat, sobald seine Kunden erfahren, dass er gar nicht zuhause ist”
Vielleicht erwarten seine Kunden, dass er am Firmensitz physisch anzutreffen ist und hat dieser Freelancer aus irgendwelchen Gründen nichts zur Korrektur dieser Erwartungen unternommen ?
Man darf aber nicht nach Bratislava reisen, weil das AMS dort keine rechtliche Durchgriffsmöglichkeit hat.
Das AMS ist kein privates Unternehmen und ist verpflichtet mit öffentlichen Geldern sorgfältig umzugehen. Wenn nun ein österreichischer Arbeitsloser mit Aufenthalt außerhalb Österreichs Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung zu unrecht bezogen hätte, wäre der Aufwand, diese Leistungen von nicht kooperativen Personen im Ausland zurückzuerhalten wohl ungemein höher, als wenn solche Personen im Inland verfolgt werden könnten.
Vielleicht ist einer der Gründe für ein “kosmopolitisches Leben” und den “Umzug” in eine “Digitale Nation”, sich dadurch im Falle von persönlichen Konflikten - vielleicht auch mit Finanzbehörden - leichter/schneller dem Zugriff dieser Behörden entziehen zu können ?