Sapere aude: Zweifel ist Pflicht, BauchgefĂĽhl ist keine Wissenschaft

Sapere aude
Zweifel ist Pflicht, BauchgefĂĽhl ist keine Wissenschaft

Gestern war meine Studienabschlussfeier. In der Festansprache sagte der Dekan sinngemäß:

Wir hören immer öfter: „Ich glaube keinen Studien.“
Die Meinung „Es war schon immer warm“ wird neben hunderten Studien zum Klimawandel gestellt – als wäre beides gleich viel wert.

Studien sind eines der demokratischsten Werkzeuge, die wir haben. Jede*r, der das Handwerkszeug hat, kann (und soll) sie lesen, prüfen – und widerlegen. Zweifel ist unser wichtigstes Instrument. Aber: Theorien müssen wissenschaftlich widerlegt werden – nicht per Bauchgefühl.

Genau das brauchen wir heute. Wir mĂĽssen Vertrauen in die Wissenschaft erneuern.
:graduation_cap: Mit Ausbildung kommt Verantwortung: Wir brauchen Akademikerinnen und Praktikerinnen, die vorleben, wie man fundiert zweifelt, kritisch prüft – und sich dann klar positioniert.

Denn:

  • :white_check_mark: Man darf (und soll) alles anzweifeln – aber man muss es belegen können.

  • :white_check_mark: Kritik ist gesund – wenn sie auf Daten und Argumenten basiert.

  • :white_check_mark: Diskurs ist wertvoll – wenn er auf Fakten grĂĽndet.

In einer Welt, in der „Flat Earth“ & Co. neben Wissenschaft gestellt werden, dürfen wir uns nicht zurücklehnen.

Sapere aude! – Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
(Kant, 1784)

Es geht nicht ums Glauben oder Verwerfen, sondern ums Prüfen, Verstehen, Begründet-Entscheiden – und den Mut, dafür einzustehen.

Wir brauchen eine neue Aufklärung.
Wir brauchen mehr Verstand!

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Um Studien “glauben” zu können müssten wir aber erst das “Babylonische Sprachengewirr” (nicht nur - aber auch - von Studien) entwirren.
Damit sind nicht nur gute Kenntnisse der Fremdsprache gemeint, in der die Originaltexte von Studien verfasst wurden, sondern auch gute Kenntnisse des jeweiligen Fachvokabulars und der mit jedem Fachvokabel verbundenen (impliziten) Aussagen bzw. Konzepte.
Die “Übersetzung” von Studien in “einfache Sprache” dürfte daher nur in Ausnahmefällen tatsächlich möglich sein und gerade wegen “einfacher” Übersetzungen (und “einfacher” - viel zu kurzer - Darstellung in Medien) zu zahlreichen - und möglicherweise sogar schwerwiegenden - Missverständnissen und “Halbwahrheiten” führen.
Studien - übersetzt in einfache Sprache - werden dann sogar wegen solcher Missverständnisse gerne in politischen Auseinandersetzungen verwendet, weil Politiker nicht die Wahrheit sagen (wollen) , aber deswegen nicht gleich lügen (müssen) - wenn sie “unangenehme” Teile von Studien einfach “vergessen”.

Es soll sogar Studien geben, die dem BauchgefĂĽhl durchaus Berechtigung zuschreiben.
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da “etwas Wahres daran sein” könnte.

Wenn wir den Audruck “Bauchgefühl” gegen den Begriff “Erfahrung” austauschen dann klingt das schon etwas seriöser - obwohl auch Erfahrung keine “Wissenschaft” ist. Sie ist aber Ergebnis selbst (und immer subjektiv) erlebter Situationen der eigenen Vergangenheit.

Hallo Erich!

Bei Deinem Beitrag bin ich ganz Deiner Meinung - zumal es beim gegenseitigem Verstehen, nach Prof. Watzlawick, sowieso nicht nur verbale, sondern auch nonverbale und kulturelle Hürden gibt. Auch die persönlichen Unterschiede in der Denkweise, den persönlichen Prioritäten und dem sozialen Setting spielt eine entscheidende Rolle.

Anders als bei Kindern - bei denen ein Großteil der o.g. Faktoren üblicherweise nur minimalst, bis garnicht, ausgebildet ist - spielen diese Faktoren eine große Rolle im gegenseitigen Verständnis.

Was mir persönlich in den letzten Jahren aufgefallen ist, war der Umstand: daß auch unter Kollegen eine wissenschaftliche Diskussion nurmehr schwer möglich ist. Offenbar beginnt der Gesellschaftliche Druck auch die rationale Wissenschaft zu irritieren.

Auch ich blase in das Horn: Bildung, Bildung, Bildung!

Herzlichst, Thomas

PS: Ich bin der Meinung: es ist relativ egal, was die Kid’s in der Schule lernen - Neben einer grundlegenden Wissensvermittlung ist die Schule hauptsächlich dazu da: Das Gehirn der Kinder zu entwickeln und ihnen das Geisteswerkzeug mitzugeben: zukünftige Probleme selbst zu lösen. (was in den letzten 60 Jahren leider verabsäumt wurde)

H.T.