Du sprichst von „primitiven, ungebildeten Brutalos“, denen man angeblich nicht zutrauen kann, über die Zukunft dieses Landes mitzuentscheiden. Das ist ein harter Vorwurf. Und er führt zwangsläufig zu einer radikalen Frage: Wer soll dann überhaupt noch entscheiden dürfen – und wer nicht?
Wenn man diesen Gedanken konsequent zu Ende denkt, landet man schnell bei Parteienverboten, beim Entzug von Wahlrechten und bei der Idee, politische Mitbestimmung an Bedingungen zu knüpfen. Bildung. Intelligenz. Moral. Herkunft. Leistung. Genau hier beginnt das Problem.
1. Demokratie ist kein Wahlzettel, sondern ein Zustand.
Demokratie ist keine Sonntagsveranstaltung alle paar Jahre. Sie ist eine soziale Praxis. Sie lebt vom Streit, vom Aushandeln, vom Akzeptieren unbequemer Entscheidungen. In Familien, Freundeskreisen, Vereinen, Betrieben, Parteien. Wer Demokratie nur als Institution versteht, aber nicht als alltägliche Haltung, bekommt genau das politische Klima, über das er sich später empört. Mitreden ist heute möglich. Sich einzubringen auch. Wer es nicht tut, delegiert – und darf sich über das Ergebnis nicht wundern.
2. Die Frage, wer entscheiden darf, ist uralt – und brandgefährlich.
Platon wollte die Macht bei den Weisen. Andere wollen sie bei den Betroffenen. Beides klingt logisch, beides scheitert an der Realität. Wenn Pensionist:innen über Pensionen entscheiden, junge Männer über Wehrpflicht und Steuerzahler:innen über Steuern – dann muss man plötzlich überzeugen statt zwingen. Das ist anstrengend. Demokratie ist genau das: anstrengend.
3. Legitimation ist kein sauber lösbares Problem.
Nach welchen Kriterien sortieren wir Menschen? Steuerleistung? Intelligenz? Bildungsgrad? Freiheit oder Haft? Wohnsitz? Geburtsort? Staatsbürgerschaft? Papierstatus? Herkunft der Eltern? Das alles wurde historisch bereits ausprobiert. Jedes einzelne Kriterium hat Unrecht produziert. Immer.
4. Es gibt kein belastbares Messgerät für den „guten Menschen“.
Weder Herkunft, noch Religion, noch Hautfarbe, noch Geschlecht, noch Titel, noch Einkommen, noch politische Meinung taugen dafür. Wer glaubt, ganze Gruppen moralisch bewerten zu können, ersetzt Denken durch Abkürzungen. Genau so entstehen die Verrohungen, die man vorgibt zu bekämpfen.
5. Migration ist kein Makel, sondern Normalität.
Migration beginnt nicht an der Staatsgrenze. Sie beginnt beim Umzug. Beim Studium. Beim Arbeiten im Ausland. Beim Leben an einem anderen Ort. Der Begriff wurde politisch vergiftet und moralisch aufgeladen, bis aus Erfahrung plötzlich Verdacht wurde.
Eine kurze Anekdote:
Zwei Männer. Brüder. Beide im Ausland geboren. Beide seit 50 Jahren in Österreich. Beide gearbeitet, Steuern gezahlt, Familien gegründet.
Der eine ist Österreicher. Der andere nicht.
Ihre Kinder wachsen hier auf, gehen hier zur Schule, sprechen dieselbe Sprache, leben im selben Land.
Die einen dürfen wählen. Die anderen nicht.
Jetzt die entscheidende Frage:
Wer von ihnen ist „gut“?
Und wer darf über die Zukunft dieses Landes entscheiden?
Wenn man an diesem Punkt nicht ins Stolpern gerät, sollte man sehr genau prüfen, auf welchem moralischen Fundament die eigenen Urteile stehen.
Demokratie bedeutet, auszuhalten, dass auch Menschen mitentscheiden, die man für falsch, dumm oder unerträglich hält. Alles andere ist keine Demokratie, sondern ein Selektionsverfahren mit wohlklingendem Namen.