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Hub Education:
Ein Aspekt der “Education “ ist auch, nahe an der Schulpolitik Aspekte der österreichischen Schule im Zeitalter der Digitalisierung zu beschreiben., also die
Die ambivalente Haltung der (österreichischen) Schule zur Digitalisierung
Heft PCNEWS 185 2/2025, Seite 10-11; 4Future,Clubcomputer, Digital Society
von Christian Dorninger
Die Triebkräfte gesellschaftlicher Entwicklungen waren und sind immer mit technologischen Entwicklungen verbunden. Die Digitalisierung all unserer Lebensbereiche seit etwa 1980 konnte da nicht zurückstehen. Auch Schule und Bildung musste sich damit auseinander-setzen, dass Datenverarbeitung und Informatik durch die Personalcomputer-Technologie plötzlich individuell handhabbar wurden. Ab Ende der 70er Jahren tauchten graue Kästchen mit Tastatur und Bildschirm in Österreich auf, die auf den Namen Apple IIe hörten, der Einstieg in die Schulinformatik lag nahe.
1970/1 entstand an den österreichischen Universitäten ein Studium der „Informatik“; bezeichnenderweise an der neu gegründeten Universität Linz, ein Jahr später dann an der TH-Wien. An den berufsbildenden Schulen tauchten in den 70er und 80er Jahren neue Unterrichtsgegenstände wie „Angewandte EDV“ oder „Wirtschaftsinformatik“ (an Handelsakademien) auf, die recht pragmatisch eine Erweiterung des Fachkanons an technischen und kaufmännischen Schulen bedeutenden (die „Rechentechnik“ der frühen 70er Jahre hatte man da schon hinter sich gelassen). Die IBM- kompatiblen MS-DOS – PCs wurden immer preisgünstiger und so konnten sich auch Schulen einzelne Geräte in einem „EDV-Saal“ leisten. Es bedurfte aber einer augenscheinlichen Manifestation, um auch die allgemein-bildenden Oberstufen von der Einführung einer „Schulinformatik“ zu überzeigen. BM Zilk, damals erst kurz im Amt, verordnete allen allgemeinbildenden Schulen diesen Unterrichtsgegenstand – ab der 5. Klassen verpflichtend, dann als Wahlfach. Die Skepsis, wie ein eher technisches Fach in den Lehrplan einer humanistisch angelegten Allgemeinbildung integriert werden sollte, war unter Lehrenden und Eltern groß: Man mischte „gesellschaftliche und ökonomische Auswirkungen der Informatik“ in den Lehrplan, sprach über Datenschutz und Datensicherung und erzeugte sogar Fallbeispiele, wie man mit den Gefahren einer Informatisierung umgehen könne. Eine eigene Abteilung im Ministerium wurde geschaffen, die später zur Gruppe wurde und sowohl PC-Kauf als auch die Umsetzung des Lehrplans überwachen sollte.
Bereits 1986, als die Schulinformatik eingeführt wurde, beklagten viele Experten die wenig ausgebildeten Lehrer*innen (am Beginn in Universitätszusatzkursen) und die mangelhafte „technische“ Umsetzung (es lief auf das Erlernen einer Programmiersprache, meist BASIC, hinaus). Erst nach einigen Jahren wurde ein Lehramt „Informationsmanagement“ geschaffen; die Qualifikationslücke wurde damit aber kaum geschlossen, da zu wenige Absolvent*innen an die Schulen kamen. Typische Einstiegskarrieren an den AHS waren Mathematiklehrende, die die Informatik als Lösungsgenerator numerischer Probleme entdeckten, Juristen, die eine Art reduzierter Rechtsinformatik an die Schulen bringen wollten und schließlich doch Informatiklehrer, die klassische Fragestellungen mit den Schüler*innen programmierten (Such- und Sortieralgorithmen, einfache Spiele, Rekursion, dynamische Speicherverwaltung, Listen, Schlange und Stack). Die Aufgabenstellungen erfolgten meist losgelöst von anderen Fächern und praktischen Problemen. Die Informatik blieb nach dem Pflichtfach in der 5. Klasse eine Spielwiese für Begabte, aber eigentlich ein Fremdkörper im klassisch-allgemeinbildenden Kontext.
An den berufsbildenden Schulen hielt man sich mehr an Softwareprodukte wie Textgenerierung, „Betriebsbogen“ (= Tabellenkalkulation), Datenbanken und spezifische technische Lösungen. Die mittlerweile „angewandte Informatik“ war aber in die Werkstätten und Laborarbeit integriert und die HTLs wandten sich sehr bald um 1989 den computergestützten Technologien (CAD, CAM CNC) mit eigener Hard- und Software zu. PC-Netzwerke ersetzten „Mainframe-Maschinen mit Terminals“ und trugen zur besseren Finanzierbarkeit der IT- Ausstattung mittels umfangreicher allgemeiner Ausschreibungen bei.
Den 90er Jahren gab es zwei wichtige technische Entwicklungen: „Windows – Version 3.1“ kam als solides Betriebssystem auf den Markt und Ende der 90er Jahre kam weltweit eine Art „free- Software – movement“, das vom Betriebssystemkern des finnischen Studenten Linus Thorwalds profitierte: Die Open- Source Software drang tief in das Schulgeschehen ein und so mancher Informatiklehrer wurde zum UNIX- Freak, der Software als frei zugänglich und kostenlos ansah. Etliche Schulstandorte, vor allem im AHS – Bereich, setzten auf „Open-Source- Derivate“. Die Bewegung erreichte um 2000 ihren Höhepunkt, kam dann aber wieder langsam wegen der besseren Servicierung der Updates und der Kompatibilität auf die Windows-Plattform zurück.
Mittlerweile war die Schulinformatik an den Mittelstufen, mancherorts auch an den Volkschulen gängig. Produkte wie der „europäische Computerführerschein“ (ECDL) hatten Konjunktur und ermöglichten es 13 bis 14 – Jährigen, solide IT- Kenntnisse zu entwickeln. Wie überhaupt die Internetnutzung in den späten 90er Jahren explodierte und HTTP- und FTP – Protokolle auf entsprechenden „Servern“ (starke PCs) für einen ansteigenden Informationsaustausch sorgten. Die Schulen waren nun am „Netz“ und beteiligten sich an er „Zweiten Informationsrevolution“. Die Möglichkeiten waren überwältigend, eine Art Zukunftsoptimismus mit den IT-Technologien im Zentrum bestimmten die Entwicklung. Die pädagogischen Leistungen der Schüler*innen wurden gemessen und ausgetauscht und internationale Assessments (PISA, PIRLS, TIMSS, ..) bestimmten ab 2001 die öffentliche Diskussion. Nach den Lernerfolgen der 70er und 80er Jahre wurden nun „individuelle Kompetenzen“ gemessen und als Grundlage für eine spätere Berufsqualifikation gesehen.
Obwohl die Informatik tief in die Verwaltung und daher auch in die Schulverwaltung eingedrungen war, war der Mehrwert als Unterrichtsfach im allgemeinbildenden Kanon so nicht ganz klar: Zunehmend wurde soziale Medien im Umfeld der Schüler*innen als Störfaktor empfunden, die emotionell tief in die jeweilige Persönlichkeit eindringen konnten. Menschliche Abgründe in der Kommunikation wurden plötzlich deutlich sichtbar und beeinflussten das Verhalten der Jugendlichen. Schließlich wurden ab 2022 Chatbots mit „künstlicher Intelligenz“ zum teilweisen Krisenszenarium an den Schulen: Die an sich schon wackelige Konstruktion der „vorwissenschaftlichen Arbeit“ als Teil der AHS – Reifeprüfung wurde mit dem Aufkommen von erweiterten KI- Sprachmodellen sofort in Frage gestellt. Ersatz bringt nun die nicht minder angreifbare Konstruktion eines „Allerlei“ von abschließender Arbeit, Multimedia-Aufgaben oder einer mündlichen Prüfung als Ersatz.
Was sind die Lehren nach 45 Jahren „Schul-Digitalisierung“, wo sind die aktuellen Baustellen
1. Digitale Grundbildung: Das Fach liegt richtig in der Mittelstufe und ist breit angelegt: Medienbildung, informatische Bildung und „Gestaltungskompetenz“ müssen untergebracht werden. Dabei sind die Strukturen und Funktionen digitaler Systeme und Werkzeuge aufzuarbeiten, die gesellschaftlichen Wechselwirkungen der Informationstechnologien zu beachten, Betriebssysteme und Standardsoftware zu über und „Computational Thinking“ zu trainieren. Mit Verlaub. Zu viele Bildungsziele in einem zeitlich beschränkten Fach. Neben der Breite des Themas sollten nämlich echte „Skills“ trainiert werden: Der Umgang mit Standardsoftware (Textverarbeitung, Präsentation, Tabellenkalkulation), der Zeit und gute Aufgaben braucht und im Sinne des „Computational Thinking“ eine halbwegs gute Praxis im „Coding“, also des Schreibens kleiner Programme in einer einfachen höheren Sprache (z.B. Python). Weniger wäre mehr, die „Fertigkeiten und Fähigkeiten“ sollten in der knappen Zeit so gut wie möglich umgesetzt werden.
2. Mehr Mut zu den Formaten abschließender Prüfungen: Nach einer Art „Generalschummler“ bei der AHS – Matura gleich die Segel zu streichen und eine sinnvolle schriftlich Auseinandersetzung mit einem persönlich wichtigen Thema, das über mehrere Seiten gut zusammenhängend beschrieben werden muss, ist kein ermutigendes Zeichen für eine sinnvolle Matura: Denn dass diese Auseinandersetzung mit einem längeren Text samt Literaturzitaten wichtig für die Sekundarbildung ist, steht wohl außer Zweifel. Ohne auf Details einzugehen: Man sehe sich die Diplomarbeit an BHS an, die je geblieben ist. Man schaue auf andere (europäische) Länder, die nicht sofort in Panik ihre textarbeiten abgeschafft haben. Man komme auf das „alte“ Konzept der Fachbereichsarbeit“ zurück, dass damals recht gelungen war! Die derzeitige Regelung, anstatt der Textarbeit vielleicht sogar eine zusätzliche mündlichen Prüfung anzubieten (wo ist da das stringente Kompetenzmodell?), zeigt die Schwäche der derzeitigen Regelung. Übrigens: Natürlich sollen Chatbots mit erweiterten Sprachmodellen Teil der Prüfungsarbeit sein- aber mit anderen Beurteilungskriterien!
3. Daher liegt die dritte Prämisse mit dem zeitgerechten Umgang mit „Digitalisierung“ auf der Hand: Ein zeitgemäßer Umgang mit KI – Werkzeugen im gesamten Lernprozess. Neue Technologien waren schon immer da, um auch an Schulen verwendet zu werden. Sie sollen, gut strategisch vorbereitet, im Unterricht eingesetzt werden. Ihr Einsatz soll breit öffentlich diskutiert werden. Die Leistungsbeurteilungen sind diesen neuen Situationen anzupassen. An den HTLs soll es eine neue Fachrichtung „angewandte Information und Werkzeuge künstliche Intelligenz“ geben, wo man hinter die gängigen Konzepte schaut und eventuell selbst Entwicklungsschritte setzt: Vom Aufbau neuronaler Übungsnetze bis zur Herstellung von Videosequenzen, die die Möglichkeiten, aber auch Grenzen dieser Werkzeuge zeigen.
Geht man hier konsequent Entwicklungsschritte, werden Schule und Digitalisierung, ĂĽbrigens noch auf weiteren Gebieten, gut zusammenfinden. Luft nach oben ist vorhanden! Christian Dorninger; Beitrag erschien in den letzten PCNEWS 185
Erich Pammer hat mit einem “Leserbrief” auf die Ausführungen geantwortet:
Leserbrief vom Erich Pammer zum Artikel vom 5.August 2025
erich. pammer@gmx.at
Sg. Herr Dorninger, lieber Werner!
Mit Interesse habe ich den Beitrag gelesen. Für mich ist er, wenig erstaunlich, einfach zu Technik lastig aufgezäumt, hauptsächlich in Richtung SEK II.
Ich plädier(t)e immer für ein Primat der Pädagogik und E-Didaktik, die leider immer fehlte, vom Kindergarten über das APS- System bis hin zur Erwachsenenbildung und dem tertiären Sektor.
Unser Blick, wir sind gelernte Pädagog*innen muss sich auf die Lernbedürfnisse und Lernnotwendigkeiten richten, auf die sich immer stärker auftürmenden Probleme, die wir dort orten, in einem Bildungssystem, wo wir inzwischen ca. 30% der 15jährigen mit fehlender Sinnerfassung beim Lesen haben, Grundrechnungsarten (mit ganzen Zahlen!), heftige Probleme bei Migrantenintegration (ca. 40%) bleiben auf der Strecke und 800.000 Primäranalphabet/innen haben. Dazu kommt, dass auch behinderte Kinder (wo ich 20 Jahre eine digitale Didaktik umgesetzt habe) immer mehr ins Abseits gedrängt werden, oft auch Senior/innen, die in einer mehr sich digitalisierenden Welt nicht mehr zurechtfinden.
Wir sind oder tun das noch immer, dass wir von der Hardware ausgehen, mit denen wir vor allem Kinder! Geradezu zugedeckt haben, ohne die Pädagogik, Lernstrategien usw. mitzuliefern, und versuchen jetzt mit ein paar lächerlichen Verboten und Beschränkungen in Hüftschussmanier, das irgendwie in den Griff zu kriegen, sicher erfolglos, es erinnert nur mehr an die kindischen Versuche mit Gefahrenszenarien und Drohungen das Lesen vor 200 Jahren zu verbieten bis hin zu Bücherverbrennungen und TV, Computerspielverboten. Diese Bewahrpädagogik hat nie funktioniert.
KI ist mitten unter uns, und wieder geht es los… Beschränkungen, Verbote, statt endlich eine E-Didaktik zu entwickeln, lernpsychologische und soziale Veränderungen berücksichtigend.
Die entscheidende Frage dabei ist, wie man das machen soll und hier schlägt die Stunde der INDIVIDUALISIERUNG des Lernprozesses, etwas was KI bestens kann. Von einer lernpsychologisch orientierten Diagnostik, über Lernstandsanalysen und Lerntypus-Analysen, weiter interaktive individuelle Lernwege multimedial, mit Feedback und Rückkop-pelungsschleifen. Dazu braucht es adaptive, KI - Software, die es längst gibt, die sowohl Lernende als auch Lehrerinnen entlasten würden, vor allem im kognitiven Bereich, um auch den kreativen (Musik, Kunst, Literatur, Gestalten) breiteren Raum geben zu können.
(KI schwache KI bedient ja derzeit nur diesen Bereich) Exemplarisch sei das die Migrantinnen und Behindertenintegration erwähnt, die verblüffende Lösungen anbietet von Spracheingabe- Sprachausgabesystemen, immer besser werdenden Übersetzungen, wo es längst Lösungen gibt, die aber selten angewendet werden.
Es hat wenig Sinn, digitale Grundbildung in der SEK I zu betreiben, wenn fast 30% die Texte nicht lesen und verstehen können. Immer mehr Jugendliche bleiben auf der Strecke, denen die Basics fehlen, die oft nicht mehr Fuß fassen im Berufs- und Alltagsleben (Jugendgefängnisse quellen über, jedes Jahr „verschwinden“ ca. 10.000 Kinder die nicht einmal einen APS- Abschluss haben.
Wir sollten uns endlich deutlich bewusst werden, wozu Technik eigentlich da ist: Fehlende oder nur fragmentarische Fähigkeiten und Fertigkeiten zu ergänzen, ersetzen, statt Technik einzusetzen, weil es vielleicht opportun ist, weil halt manches gar nicht so Notwendiges leichter geht, aber das Bedürfnis nicht da ist, wird durch KI immer augenscheinlicher. Coding, Datenbanken u.v.m. wirklich so wesentlich, das kann KI längst besser, wir brauchen immer mehr Menschen, unabhängig vom Alter, die kreativ sind, die nicht nur nachmachen, was ihnen geboten wird. Dazu müssen die Basics da sein (geht immer besser mit den modernen Medien) weil wir auch gerne vergessen, dass Kinder und Jugendliche durch diese Medien enkulturiert und sozialisiert wurden.
Gerade mit 4future.one wäre einmal eine Möglichkeit hier etwas zu verändern, um Menschen neue Perspektiven (in ihrem Leben - individuell) zu eröffnen.
Mit freundlichen GrĂĽĂźen Erich
Leserbrief vom Erich Pammer vom 8.August 2025
erich. pammer@gmx.at
Sg. Herr Dorninger, lieber Werner!
Der „DerStandard“ vom 8.8.2025 beschäftigt sich in „Sprachsackgasse…“, mit der im letzten Mail von mir angesprochenen Didaktikfrage, allerdings auch nur wieder mit der Organisationsfrage und dass Lehrer/innen überfordert sind, aber wieder keine Silbe dass es sich edidaktisch lösen ließe, durch entsprechende EDidaktik und Methodik…..
Mit lieben GrĂĽĂźen! Erich
Darauf durfte ich reagieren:
Antwort von Christian Dorninger, 6.8.2025 - PC News Nr. 186, Forum
Wenn Erich Pammer, einer der engagiertesten Pädagogen Österreichs, zu einem Beitrag zur Digitalisierung einen Leserbrief schreibt, hat das Gewicht. Er zeigt auf, dass Berichte über das Schulsystem nicht monolithisch für alle Schüler*innen gelten, sondern differenziert zu sehen sind. Zu dieser Differenziertheit bekenne ich mich: Ich war, bis auf ein Jahr, 35 Jahre im Oberstufenschulwesen und in der Berufsbildung, die ja nur in der Oberstufe eingerichtet ist, tätig und habe deren „Schulsicht“ übernommen. Die Schwierigkeiten der ersten acht Schuljahre kenne ich nur aus Diskussionen und Medienberichten. Und trotzdem gibt es, bezogen auf technologische Entwicklungen in jedem gesellschaftlichen Umfeld, zwei Sichtweisen, die ich hier auseinanderhalten will:
Die erste Sichtweise lässt sich etwa so formulieren: „Die (Unterrichts)Technologien sind oft die Antworten auf pädagogische Fragen, die nie gestellt wurden“. Eigentlich müsste man aus pädagogischen und didaktischen Überlegungen zum Schluss kommen, etwaige Informationstechnologien im Unterricht langsam und behutsam einzusetzen, wenn hier eine Notwendigkeit gesehen wird. Ein Projekt, wo ich Koll. Pammer kennen gelernt habe, war, Lernspiele im Unterricht einzusetzen; vor allem auch für Schüler*innen, die nicht so motiviert sind oder sich beim Lernen schwertun.
Ich erinnere mich an das „Serious game“ „Zoo“, wo im Spiel unterschiedliche Tierarten zu einem Zoo zusammengeführt werden mussten. Welche Tiere können überhaupt miteinander in einem Gehege sein, welche muss man getrennt halten, was passiert, wenn ein junges Tier neu in ein Gehege kommt. Welches Futter brauchen die Tiere, wie bringt man den Mist weg, wie kann sich ein Zoo selbst erhalten, welche Kostenfaktoren treten hier auf. Der Berufspädagoge erkennt sofort, dass die Beschäftigung mit Tieren, bei Kindern und Schüler*innen meist mit viel Sympathie versehen, im Hintergrund in ein betriebswirtschaftliches Modell mündet, wie man einen Zoo betreiben kann. Aber nicht nur. Es geht auch um Verhaltensforschung bei Tieren, um Prinzipien der „feindlichen“ urwüchsigen Natur und die Abstimmung von Tier und Mensch. Mit einem technologischen Ansatz, einem Lernspiel - hoffentlich nicht langweilig - wird ein abstraktes Modell eines Bestands von Tieren und den Kostenfaktoren bei deren Haltung nahegebracht. Die Motivation beim Umgang mit bekannten oder exotischen Tieren überdeckt den Lernprozess im Bereich der biologischen Verhaltensforschung und der Betriebswirtschaft.
Wir vom damaligen Unterrichtsressort haben Mittel zur Verfügung gestellt und uns persönlich engagiert, um „Game Based Learning“ gemeinsam mit der Donau-Universität Krems populär zu machen. Das Projekt hat etwa 2008 begonnen, aber es ist uns nicht gelungen, eine Breitenwirkung zu erzielen, Der Ansatz ist nicht „angesprungen“ – auch wenn das sonderpädagogische Zentrum in Perg, dessen Leiter Koll. Pammer war, wertvolle Erfahrungen dazu sammeln konnte. Etliche andere Schulstandorte auch, aber nicht viele.
Dass man elektronische Lernspiele einsetzt, um Lerndefizite, wie sie Koll. Pammer oben beschreibt, auszugleichen, ist ein (kleiner) Beitrag, diese Defizite anzusprechen. Dass es hier aber ganz andere (sprach)pädagogische Herausforderungen gibt und man in vielen Familien, nicht nur Migrantenfamilien, erst den Wert von Bildung klar machen muss, ist eine ganz schwierige Herausforderung, die man nicht nur mit „Technik-Schnick-Schnak“ beheben kann. Da gebe ich Koll. Pammer absolut recht und sehe seinen Beitrag als wichtige Ergänzung zu meinem Beitrag zur ambivalenten Haltung der „Schule“ (offensichtlich unterschiedlicher Schulformen) zur Digitalisierung.
Das bringt mich zur zweiten Sichtweise: „Technologien werden entwickelt und dringen in alle gesellschaftlichen Bereiche ein, ob man will oder nicht. An Schulen sollte man die Technologien zwar kritisch analysieren, aber dann die positiven Seiten rasch erkennen und in die Lernprozesse einbauen – auch wenn sie nicht alle pädagogischen Probleme lösen können“. Sonst kommen sie durch die Hintertür und sorgen für ein verunsichertes Stammpublikum und Organisationschaos. Bestes Beispiel – und man verzeihe meine Oberstufenlastigkeit – ist der seltsame Umgang mit der vorwissenschaftlichen Arbeit bei der AHS – Matura durch das Auftreten von KI – Chatbots.
Denn Pammer hat schon recht: Die „schwache“ künstliche Intelligenz ist schon unter uns, spätestens seit dem November 2022 mit der freien Verwendungsmöglichkeit von „ChatGPT“. Ich sehe übrigens nicht wie Pammer so sehr „Beschränkungen und Verbote“, sondern Verunsicherung und Ignoranz. Wir stimmen aber absolut überein, dass „eine zeitgemäße E-Didaktik“ wichtig ist. Das könnte wirklich ein gemeinsames Anliegen sein: Mit dem öffentlichen Zugang zu einer KI - Dialogsoftware auf der Basis eines erweiterten Sprachmodells ändern sich die Verhältnisse bei jedem Lernprozess, ob in Unternehmen, an Hochschulen oder auch an Schulen. Hier ist durch die Trägheit des Schulsektors Feuer am Dach – und eine breite Beschäftigung mit dem Thema notwendig. Ich gebe noch ein Beispiel aus „meiner“ Berufsbildung: in den letzten 10 Jahren hat sich die Anzahl der Studierenden an Schulen für Berufstätige (Abend-HAK, Abend-HTL) halbiert. Die Behaltequote in den Tagesformen (Aufbaulehrgänge, Kollegs) ist dramatisch gesunken; d.h. nur mehr ca. ein Drittel bis ein Viertel der anfänglich eingeschriebenen Schüler*innen schließen ab. Ein nach dem 2. Weltkrieg entwickelter Schultyp ist schwer in Not – und keiner agiert. Dies nur mit der grassierenden „Work-Life-Balance“ zu erklären, die große Mühen am Abend oder eine intensive Beschäftigung in einem kompakten Ausbildungsmodell nicht mehr zulässt, ist zu wenig. Neue Ideen, neue Lösungen, Fernunterrichtsmodelle, eine neue-E-Didaktik, aber auch neue Ausbildungsmodelle müssen her – und Österreich weit diskutiert werden.
Wie eine E- Didaktik wirklich aussehen kann, möchte ich gerne an Erich Pammer zurückgeben; vielleicht kann er in 10 „Bullet-Points“ angeben, wie KI zur Individualisierung des Unterrichts, dem Eingehen auf den/die einzelne Lerner/in beitragen kann.
Die Sache mit der „vorwissenschaftlichen Arbeit“, nämlich der Ersatz eines „Gemischtwarenladens“ an „Abschlussarbeiten“, die keinem Kompetenzmodell entsprechen können, durch ein konzises Modell, das wieder den individuellen Umgang mit längeren Texten festigt, überlassen wir den Fachleuten aus diesem Bereich. Die „Evaluation“ des aktuellen „Experiments“ soll nach drei Jahren ja Ergebnisse bringen.
Das mit den „Kompensation von fehlenden oder fragmentarischen Fähigkeiten durch KI“ in Pammers Ausführungen hat mich nachdenklich gemacht. Ich versuche es im Berufsbil-dungssystem: Wenn die Abendschulen mittlerweile so schlecht angenommen werden, müsste man sie durch eine andere Ausbildung ersetzen – spezielle Lehrgangsformen mit Abschlüssen gemäß NQR (nationaler Qualifikationsrahmen), die nicht ein Duplikat der Tagesform (HAK oder HTL – Matura) sind, sondern Spezialkenntnisse vermitteln, die durch eine überlegte Anwendung von Systemen künstlicher Intelligenz ergänzt werden. Wenn in der Industrie „Qualitätsmanagement“ besonders wichtig ist oder in vielen Bereichen auch „Umweltmanagement“, dann könnte es ein bis zweijährige Lehrgänge geben, wo die Grundlagen und Zusammenhänge vermittelt werden und der Umgang mit KI – Systemen zu diesen Themenbereichen geübt wird. Mit einer Qualifikation dieser Ausbildungen könnte im beruflichen Berechtigungssystem so etwas wie ein Meisterbrief oder ein spezieller Berechtigungsnachweis erlangt werden. (Auch ein Handwerksmeister ist Spezialist in einem engen Fachgebiet). Derartige Speziallehrgänge werden auch einige Zeit notwendig sein, um einen Überblick über die vielfältigen Formen von KI – Systemen selbst zu geben (die europäische Verwertung des KI – Einsatzes ist ja ein strategisches Ziel der EU; samt den bereits ausgearbeiteten Richtlinien in diesem Bereich). Schließlich, und da bin ich ganz nahe bei meinem früheren Arbeitsgebiet, brauchen die HTL – Fachrichtungen „Informatik“ und „Informationstechnologie“ in ihren Lehrplänen einen Ausbildungsschwerpunkt für KI – Technologien.
Zur E-Didaktik beim Spracherwerb: Viele reden über „E-Learning“, kaum eine/r macht es wirklich. Da wäre mit einem gezielten Einsatz von frei zugänglichen Produkten (Murf KI, Natural Reader, VoxDo u.a.) wirklich einiges zu holen. Man müsste es breit propagieren und seminaristisch etc. wirklich unterstützen!
Also sollten wir den von Erich Pammer angeregten „4future“ – Dialog hier ein- bzw. weiterführen!