An der AHS-Oberstufe soll 2027 ein Fach „Medien und Informatik“ eingeführt werden. Informatik-Fachleute warnen, dass Österreich bei der Digitalisierung zurückgeworfen wird
In der AHS-Oberstufe soll ein neu konstruiertes Pflichtfach „Medien und Informatik“ eingeführt werden, das den derzeitigen Informatikunterricht ersetzt. …
Demzufolge soll das Fach in der Oberstufe künftig im Ausmaß von insgesamt vier Wochenstunden gelehrt werden – pro Schuljahr von der fünften bis zur achten Klasse jeweils eine Schulstunde
In der AHS-Unterstufe gibt es seit 2022 das Fach Digitale Grundbildung, daran ändert sich nichts.
Bei dem geplanten Unterricht handle es sich um „reine Medienkunde“, kritisiert etwa Tobias Kohn, Professor für Informatikdidaktik am Karlsruher Institut für Technologie. „Informatik steht nur drauf, um zu suggerieren, dass auch dieses Fach abgedeckt wäre – ohne dass die damit verbundenen Konzepte alters- und stufengerecht zur Sprache kommen“, schreibt Kohn.
Hingegen fehle jede tiefergehende Auseinandersetzung mit informatischen Technologien. Schlagwortartig sei zwar etwa von „Open-Source-Technologien“ die Rede – doch Open Source sei eben keine Technologie, sondern ein rechtlich-sozialer Begriff. Kohns Fazit: Die anvisierte Konstruktion sei aus didaktischer Sicht „völlig untauglich“.
Nicht minder kritisch fallen die Worte von Juraj Hromkovič aus. „Mit diesem Lehrplan hat der Informatikunterricht keinen Sinn“, schreibt der emeritierte Informatikprofessor der ETH Zürich in seiner Stellungnahme an das Ministerium. Informatische Grundkenntnisse über Algorithmen, die Organisation von Daten, Automatisierungsprozesse und Programmieren würden höchstens oberflächlich berührt. Hromkovič: „Wenn man die Ausführungen liest, erfährt man, dass man keine informatischen Kompetenzen erwerben sollte, sondern nur über die Nutzung und gesellschaftliche Aspekte reflektieren soll.“
Generell sei die Vermischung von Medienkunde und Informatik – „zwei hoch unterschiedliche Fächer“ – nicht umsetzbar, warnt der Experte, der für die Schweiz mehrere Unterrichtsbücher verfasst hat.
Auch die universitäre Plattform Informatik Austria wendet sich in einer vierseitigen Stellungnahme gegen das Vorhaben. Die Vertreter der heimischen Informatik-Fakultäten orten eine Verdrängung wissenschaftlich fundierter Informatikbildung durch einen medien- und kulturwissenschaftlichen Zugang. Informatik werde „auf das Verwenden von Computern reduziert, statt sie als eigenständige Disziplin mit eigenem Bildungswert zu behandeln.“
„Eine Gesellschaft, die ihre digitalen Systeme nicht selbst verstehen und gestalten kann, wird abhängig von ausländischen Technologien und Konzernen.“