tudierende lesen immer weniger und immer schlechter, lautet der Vorwurf von manchen Kulturskeptikern. Stimmt das? Muss man sich Sorgen um Österreichs Bildungselite machen?
„Die neue Generation Studierender liest kaum noch längere Texte, von Büchern ganz zu schweigen. Weil sie nicht will oder nicht kann“, diagnostizierte etwa die Zeit. Das US-Magazin The Atlantic kam zum selben Schluss: US-Studierende seien vom Lesen ganzer Bücher überfordert, sie würden vor langen und schwierigen Texten resignieren*.*
Soziale Medien hätten sie gelehrt, sich schnell durch große Mengen an Inhalten zu scrollen und dabei oberflächlich Informationen aufzunehmen – ohne sie wirklich zu verstehen.
Dann ist da noch die Frage des Mediums: Viele Studierende lesen akademische Texte – auch aus Umweltgründen – digital. Leseforschern zufolge funktioniert Deep Reading aber vor allem auf Papier. Auf Bildschirmen wird nicht jeder Satz durchdacht, lautet die Hypothese. Stattdessen werden Textteile überflogen oder gezielt gesucht – das Internet als ultimative Ablenkung, nur einen Klick entfernt. Mehrere empirische Studien konnten diesen sogenannten Screen Inferiority Effect bereits feststellen – bei allen Altersgruppen. Das heißt: Leserinnen und Leser verstehen komplexe Sachtexte als PDFs auf Bildschirmen oder auf Webseiten schlechter.
Günther Stocker, Germanistikprofessor an der Universität Wien und Leseforscher, versucht Notebooks deshalb so gut wie möglich aus seinen Seminaren zu verbannen. Genauso wenig will er, dass auf Smartphones mitgelesen wird. Die Ablenkung sei einfach zu groß.
Sofern sich Studierende Zeit nehmen, sei das Textverständnis gegeben, sagt Peter Becker, Geschichtsprofessor an der Universität Wien. Ähnlich hält es auch Professor Krammer: Nicht die Kompetenzen der Studierenden seien die größte Herausforderung, sondern vielmehr der Zeitrahmen, der einem für das Studium zur Verfügung stehe, um sich eingehend mit Texten zu beschäftigen.
„Für viele Studierende geht es nicht mehr darum, zu kontemplieren, sondern so schnell wie möglich abzuschließen um zu arbeiten“, sagt Martin Neubauer, Dozent für Germanistik an der Uni Wien. Den stereotypen Studenten, der in den Tag hinein denkt, gibt es fast nicht mehr. Mehr als zwei Drittel aller Studierenden arbeiten heute nebenher. Da bleibt wenig Zeit für Deep Reading. Und auch der Screen Inferiority Effect konnte vor allem unter Zeitdruck beobachtet werden.
Der Arbeitsalltag jener Studierenden, mit denen DER STANDARD gesprochen hat, spricht jedenfalls dafür: Alle Befragten arbeiten nebenbei, und Lisa hat auch zwei Kinder. „Ich wüsste gar nicht, woher ich die Zeit nehmen sollte, um fünf bis sechs Bücher zu lesen“, sagt sie.