Ich sitze gerade ja auf Zypern und trinke meinen ersten Kaffee. Dabei ist mir unser letzter Besuch der ĂAW (Ăsterreichische Akademie der Wissenschaften) wieder eingefallen. Der Festsaal ist sozusagen das alte âAudi Maxâ der alten Wiener UniversitĂ€t. Die ĂAW hat die GebĂ€ude der alten Uni Wien bekommen und hat ihren Campus in der BĂ€ckergasse im 1. Bezirk.
An der Decke des Festsaales gibt es Abbildungen der vier alten FakultÀten der Uni Wien. Diese vier FakultÀten waren:
Theologie
Die Lehre vom guten und richtigen Handeln.
Was sollen wir tun?
Sie gibt Orientierung und fragt nach Sinn, Verantwortung und dem Guten.
Philosophie
Die Lehre, die Welt und uns selbst zu verstehen.
Was können wir erkennen?
Sie fragt nach Wahrheit, Erkenntnis und dem Wesen der Wirklichkeit. Das Wort kommt aus dem Griechischen ÏÎčλοÏÎżÏία â die Liebe zur Weisheit.
Medizin
Die Lehre, Leben zu erhalten und Gesundheit zu fördern.
Wie sollten wir leben, um gesund zu bleiben?
Sie dient dem Schutz und der Heilung des menschlichen Lebens.
Jus
Die Lehre von der Gerechtigkeit und der Ordnung des Zusammenlebens.
Was ist gerecht?
Sie schafft Regeln fĂŒr das friedliche und faire Zusammenleben.
Die vier alten FakultĂ€ten â und was sie uns heute noch zu sagen haben
Mich faszinieren an den vier alten FakultÀten der UniversitÀt mehrere Dinge. Vielleicht deshalb, weil sie nicht nur Wissen organisierten, sondern die grundlegenden Fragen menschlichen Zusammenlebens beantworteten.
1. Theologie â Die Frage nach dem Guten
Die Religion bot ĂŒber Jahrhunderte Orientierung. Sie erinnerte daran, dass nicht alles, was wir tun können, auch getan werden sollte.
Mit der AufklÀrung trat die Religion als gesellschaftlicher Nordstern in den Hintergrund. Das war in vielerlei Hinsicht ein Fortschritt. Allerdings wurde ihre orientierende Funktion nie vollstÀndig ersetzt.
Heute fehlt uns oft ein gemeinsamer moralischer Kompass. Die Kirchen können diese Rolle aufgrund ihres gesellschaftlichen Bedeutungsverlusts nur noch eingeschrĂ€nkt wahrnehmen. Die Ethik versucht, diese LĂŒcke zu fĂŒllen, besitzt jedoch hĂ€ufig nicht die gleiche gesellschaftliche Verbindlichkeit.
Die zentrale Frage bleibt dennoch bestehen:
Was sollen wir tun?
Die Theologie beantwortete das WARUM.
2. Philosophie â Die Liebe zur Weisheit
ÏÎčλοÏÎżÏία â die Liebe zur Weisheit.
Die Philosophie hinterfragte nicht nur den Sinn des Lebens. Sie beschĂ€ftigte sich ebenso mit dem Funktionieren der Welt. Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften waren ursprĂŒnglich in ihr vereint.
Sie verband das Warum mit dem Wie.
Heute wissen wir immer mehr ĂŒber immer kleinere Ausschnitte der Wirklichkeit. Unsere Spezialisierung ermöglicht enorme Fortschritte. Gleichzeitig gibt es nur wenige, die sich mit den ZusammenhĂ€ngen und Wechselwirkungen beschĂ€ftigen.
Die Frage lautet daher nicht nur:
Wie funktioniert etwas?
sondern auch:
Warum ist es so?
Welche Folgen hat es?
Wie hÀngt es mit allem anderen zusammen?
Die Philosophie verband das WARUM und das WIE.
3. Medizin â Die Kunst, gesund zu leben
Der Begriff Medizin stammt aus dem Lateinischen. Der Geist der europÀischen Medizin ist jedoch wesentlich von der griechischen Tradition geprÀgt.
Hippokrates gilt bis heute als Symbol einer Haltung, die erstaunlich modern wirkt:
âIch sehe die Ursache noch nicht. Aber ich nehme wahr, dass Sie leiden. Lassen Sie uns gemeinsam versuchen zu verstehen, was dahintersteckt.â
Medizin bedeutete ursprĂŒnglich nicht nur die Behandlung von Krankheiten.
Sie fragte auch:
Wie sollen wir leben, damit wir gesund bleiben?
ErnĂ€hrung, Bewegung, MaĂhalten, LebensfĂŒhrung und die Sorge um Körper und Geist gehörten selbstverstĂ€ndlich dazu.
In einer Zeit zunehmender chronischer Erkrankungen könnte uns diese Sichtweise wieder Orientierung geben.
Medizin war die Lehre davon, wie wir leben sollen, um gesund zu bleiben.
4. Jurisprudenz â Die Suche nach Gerechtigkeit
Jurisprudenz ist mehr als die Frage, wer Recht hat.
Sie fragt:
Was ist gerecht?
Wie gestalten wir Regeln so, dass Menschen friedlich und fair miteinander leben können?
Recht erfĂŒllt seinen Zweck nicht allein dadurch, dass es formal korrekt angewendet wird. Es muss von den Menschen auch als gerecht wahrgenommen werden.
Meine Sorge ist, dass viele Menschen heute das GefĂŒhl haben, dass diese Balance verloren gegangen ist.
Sie erleben, dass manche sich Dinge richten können, wĂ€hrend andere die Konsequenzen tragen mĂŒssen. Daraus entstehen Unmut, Vertrauensverlust und gesellschaftliche Spannungen.
Die eigentliche Frage lautet daher:
ErfĂŒllt das Recht noch seinen ursprĂŒnglichen Zweck?
ErfĂŒllt das Recht den Zweck, ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen?
Die alten Fragen sind geblieben
Vielleicht liegt die eigentliche Weisheit der vier alten FakultÀten darin, dass sie keine Verwaltungseinheiten waren, sondern Antworten auf vier grundlegende menschliche Fragen:
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Theologie: Warum? Was sollen wir tun?
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Philosophie: Warum und wie? Wie verstehen wir die Welt?
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Medizin: Wie leben wir, um gesund zu bleiben?
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Jurisprudenz: Wie gestalten wir ein gerechtes und friedliches Zusammenleben?
Die Begriffe haben sich verÀndert. Die Fragen sind geblieben.
Gerade in einer Zeit technologischer UmbrĂŒche, kĂŒnstlicher Intelligenz und gesellschaftlicher Polarisierung lohnt es sich vielleicht, zu diesen alten Fragen zurĂŒckzukehren.
Denn Fortschritt allein genĂŒgt nicht.
Wir mĂŒssen auch wissen,
warum wir handeln,
wie die Welt zusammenhÀngt,
wie wir Leben bewahren
und wie wir gerecht miteinander leben können.
